Eine Gesellschaft im münsterischen Karneval

von Norbert Hinzke  - dieser Bericht  erscheint  auf dieser Buch CD mit allen Berichten - Fotos und einem 70 Minuten Videofilm von den Galasitzungen 1972 - 1983 - 1984 - 1985 - 1986 und 1987 und dem Tennengericht.  Mitwirkende sind alle Akteure - Büttredner und Sänger sowie das 1.Bischöflich Münsterische Offizierscorps . Diese CD kann über das Internet e.Mail: Info@eichelwilly.de oder meine Anschrift:

 Willy Eichel - von Holte Straße 74 - 48167 Münster gegen Portokosten bestellt werden

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50 Jahre Karneval - 40 Jahre KG Paohlbürger - 30 Jahre Tennengericht - 30 Jahre Ehrensenat - 20 Jahre Hauszeitung - 10 Jahre Spieker und Paohlbürgerhof - 10 jahre 1. Karnevalsmuseum in Westfalen 

                          " Das gab`s nur einmal"

                                       oder 

                          "So wird`s nie wieder sein"

 

 

1.   Einleitung mit großer Bilddatei

     Wie alles einmal begann nach dem Krieg 1945

 

2.   Alles über Willy Eichel

     Ich über mich - Feste und Feiern - Die karnevalistischen Freunde - 

     Meine Lieder  -  Zeitungsberichte von 1947 - 1995

 

3.  Feste und Feiern

     Eine Gesellschaft im Münsterischen Karneval - 

    Die Gesellschaft und ihre Originale

     Laudatio - Unsere PR Leute

 

4.  Münster du bist wirklich eine Stadt mit Flair

     Die Geschichte Münster Teil I - Die Geschichte Münster Teil II

     Die Karnevalsprinzen der Stadt Münster

 

5.  Alles um die Gesellschaft mit großem Videoteil von 70 Minuten

     vom Tennengericht und den großen Galasitzungen mit allen Akteuren

     

    Der Senat und der Ehrensenat - Das Tennengericht - Die Hauszeitung -

     Die Seniorentage - Das 1. Bischöfliche Münsterische Offizierscorps     e.V-

     Die großen Galasitzungen - Unsere Akteure und die der anderen 

     Gesellschaften

     Der Spieker und der Paohlbürgerhof - Das Museum - Karneval in

     Rio - Rosenmontag 

6.  Meine e Mail WillyEichel@web.de

7.  Meine Homepage : www.EichelWilly.de 

                                             

 

                                               

 

"Eine Gesellschaft im Münsterischen Karneval"

                                     von Norbert Hintzke - Fotos Willy Eichel

Die in dem Buch angeführten Presseberichte oder Fotos wollen Sie bitte den jeweiligen Links entnehmen. 

1945 - 1995    Ein kleiner Klick zum großen Kick

Karneval ist das ganze Jahr Arbeit, das ganze Jahr Arbeit an der Freude - ob es sich nun im närrischen Saal oder in einem Seniorenheim abspielt. Das Schönste für einen Karnevalisten ist es, Freude zu bringen und Freude zu vermitteln. Wir sind Botschafter der guten Laune.

Willy Eichel

"Doch den Humor man uns nicht nimmt ..." -

Karneval in Münster nach 1945

Am Rosenmontag, dem 27. Februar 1949, setzte das närrische Treiben in Münster erstmals nach den Wirren des zweiten Weltkriegs wieder ein. Hatten einige münstersche Gesellschaften schon im Jahre 45 das karnevalistische Vereinsleben wieder belebt, so erklang der offizielle Startschuss für Prinz Karneval und Rosenmontagszug erst "vier Jahre nach Kriegsende". Das relativ frühzeitige Aufblühen des närrischen Erbes ist nicht zuletzt auf die Jahrhunderte alte Karnevalstradition in Münster und den unverwüstlichen westfälischen Humor, der trotz seiner ihm nachgesagten "drögen" Art nicht unterzukriegen ist, zurückzuführen, wie es Prinz Kurt der I. (Kurt Glock), der letzte Karnevalsprinz vor Ausbruch des Weltkrieges, zehn Jahre nach seiner Amtszeit in der Potthast-Ausgabe von 1949 in Reimform bestätigt:

Abschiedsgruß des Prinzen Kurt I.

Die Zeit hat ernster uns gestimmt,

das lässt sich nicht bestreite,

doch den Humor man uns nicht nimmt,

den Urquell aller Freuden.

Mag meckern auch der Miesepriem,

das ficht uns gar nicht an,

wir lassen unsere Herzen glüh’n

im schönen Karneval.

Denn der Humor in dieser Zeit

uns froh die Herzen stimmt,

drum lebe hoch die Narretei,

weil sie uns Freude bringt.

Helau!

(Mönsterschen Potthast Februar 1949)

 

Erste karnevalistische Lebenszeichen

Die kaufmännische Gesellschaft Union e.V. (gegründet 1859), die den ersten Rosenmontagszug in Münster im Jahre 1896 ins Leben gerufen hat und die bis Ende der dreißiger Jahre des nachfolgenden Jahrhunderts grundsätzlich den Prinzen Karneval stellte, war aufgelöst. Diese Tradition setzte nach 1945 die Prinzengarde der Stadt Münster fort. Erster Nachkriegsprinz wurde damals der engagierte Karnevalist Mekki Reuter (Prinz Max der II.), der am besagten Rosenmontag die karnevalistische Session per Proklamation auf dem Prinzipalmarkt einläutete und - mit den närrischen Insignien ausgestattet - auch die Stadtgewalt übernahm. Als Prinz "Max von Friedonesien" auf dem Jagdwagen des Tollen Bomberg (ver)führte er Münsters Narren unter dem Motto: "Westfalen, wir upp’n End". Der Prinzenaufzug wurde von sämtlichen münsterschen Karnevalsvereinen, der Prinzengarde und der karnevalistischen Stadtwache sowie den Elferräten aller westfälischen Karnevalsgesellschaften begleitet, und sogar der Rundfunk war schon dabei. Münsters damaliger Oberbürgermeister Boyer ließ es sich nicht nehmen, die "frohgestimmten Menschen" auf dem Prinzipalmarkt zu begrüßen und wünschte sich und Münsters Bürgern, daß auch in unseren so sorgenvollen Tagen Lebensfreude, gesunder Humor und Frohsinn zur rechten Zeit und mit Maß zur Geltung kommen. Einen großen festlichen Rosenmontagszug gab es in diesem Jahr noch nicht, dafür druckte der Potthast einen Karnevalskalender "för de unwiesen Dage" ab, mit genauen Angaben zur anstehenden Unwieserie in den münsterschen Lokalitäten. Es herrschte ein unbeschreiblicher Drang nach Leben, nach menschlichem Miteinander und unbeschwerter Kreativität in diesen Jahren nach Kriegsende. Der beachtliche Schaffens- und Aufbauwille und die ungestillte Sehnsucht nach einem friedlichen und harmonischen Zusammenleben schlug sich auch auf das Karnevalsgut in Münster nieder.

Gründung des BWK         

So konnte man neben dem allgemeinen Wiedererstarken karnevalistischen Brauchtums schon Mitte der fünfziger Jahre stolz auf eine Verdoppelung der damals knapp zehn Karnevalsgesellschaften blicken. Von den Neugründungen in den vierziger Jahren sind hier z. B. die KG BÖSE GEISTER und die NARRENZUNFT VOM ZWINGER (NVZ) zu nennen. Und noch eine weitere karnevalsspezifische Neuentwicklung gab es. So wurde im Jahre 1949 ein Dachverband für alle westfälischen Narren geschaffen. Das närrische Kleeblatt Eduard Hagedorn, Präsident der Karnevalsgesellschaft FREUDENTHAL, Theo Breider, seines Zeichens Verkehrsdirektor der Stadt Münster und Georg Steingass, damaliger Präsident des Bürgerausschusses zur Förderung des münsterschen Karnevals, gründeten den BWK, den Bund Westfälischer Karnevalsvereine. Die Gründungsversammlung fand am 11. Februar 1949 statt, wo man gleich eine 11 Paragraphen umfassende Satzung verabschiedete. Die junge Vereinigung hatte sich das Ziel auf die Fahne geschrieben, den westfälischen Karneval und damit heimatliches Brauchtum zu fördern und "arteigene Freude und bodenständigen Humor" zu pflegen. Nach Meinung der BWK-Gründer war der münsterisch-westfälische Karneval, so wie er sich in den ersten Nachkriegsjahren präsentierte, noch gar nicht zu sehr von Fehlentwicklungen bedroht. Man wollte ein Zeichen setzen gegenüber "Zoten, Geschmacklosigkeiten und wüsten Trinkgelagen" in manchen Karnevalsgesellschaften. Eduard Hagedorn, BWK-Vorstandsmitglied und Ehrenpräsident der Karnevalsgesellschaft FREUDENTHAL, wurde laut Sitzungsprotokoll noch etwas genauer: "Auch manche Büttredner erlaubten sich Frechheiten, die man nicht mehr gutheißen konnte." Die Nachkriegswirren hatten viel Unkraut hochkommen lassen und taten dem sauberen und traditionsreichen Volksbrauchtum erheblichen Abbruch. Der Verruf der Fastnacht würde die unvermeidliche Folge gewesen sein.

Der erste Rosenmontagszug

Ob nun dank des entschiedenen Eintretens durch den BWK oder nicht, das sei dahingestellt, die karnevalistische Session 1949/50 und insbesondere der erste Rosenmontagszug nach Kriegsende wurden - trotz Regens (natürlich) - ein voller Erfolg. Um einen lebendigen Eindruck aus dieser Zeit des närrischen Neuanfangs zu erhalten, in der das karnevalistische Treiben um Münsters Rathaus wieder richtig (d.h. mit Rosenmontagszug) einsetzte, sei an dieser Stelle ein Zeitungsartikel leicht verkürzt wiedergegeben.

TROTZ REGEN - EIN NARRENHAUS

Münsterischer Stadtanzeiger, 21. Februar 1950

Neben dem allgemeinen Jubel über den karnevalistischen Neubeginn bringt der zitierte Pressebericht eine interessante kritische Anmerkung, die man geradezu als programmatischen Impuls für die Entwicklungsgeschichte der Karnevalsgesellschaft PAOHLBÜRGER sehen kann.

So richtete der Berichterstatter an die "Förderer" des münsterschen Karnevals den "Vorwurf", daß durch einen Lautsprecher auf dem Prinzipalmarkt fast ausschließlich und immer wieder rheinische Schlager erklangen, und daß man dabei die westfälischen Komponisten ganz vergessen hatte. Wenn man schon vom Rundfunk verlangt, daß er auch uns Westfalen in seinem Programm berücksichtigt, muß man in Münster gerade diese westfälischen "Erzeugnisse" immer wieder herausstellen. Diese Kritik an der Überbewertung rheinischen Liedgutes und dem mangelnden Vertrauen in westfälischen Frohsinn und "westfälische Erzeugnisse" sollte zur erklärten Kampfansage eines närrischen Münsteraners werden, dessen Liebe zu seiner Heimatstadt Münster und zum Karneval zur erfüllenden Lebensaufgabe wurden.

Die Altbierkneipe "Leppers in’n Hals"

Willy Eichel - von Leppers bis zur NZA

Der Sohn des Gastwirtehepaares Willy und Gertrud Eichel hat seinen ersten Schluck nach der Milch im elterlichen und weit über Münsters Grenzen hinaus bekanntem Brauhaus Leppers in’n Hals, der späteren Sängerklause, genommen. Das Haus 1009 "Am Graben den der grünen Steege", der heutigen Krummen Straße Nr. 21/22, war landläufig als "Leppers in’n Hals" bekannt, was auf die Bezeichnung "Hals" für den südlichen Straßenteil zurückzuführen ist, ein Verbindungsweg von der Krummen Straße über die Schützenstraße zur Promenade. Der Gasthof LEPPER gestaltete sich architektonisch als fünfachsiger, zweigeschossiger Backsteinbau mit Sandsteinwänden und Doppelwalmdach. Rechts der mittleren Eingangstür lag eine zwei Fenster breite Durchfahrt in den seitlich gelegenen Wirtschaftshof. Vom Innenhof aus war auch der Zugang zum Lagerkeller und zur Brauerei, über dem, um einige Stufen erhöht, der seitlich ausgebaute Wirtschaftssaal lag, der den Studenten als Kneipzimmer diente. Zuvor war hier eine Kegelbahn lange Jahre im Betrieb. In Landois’ plattdeutschem Unterhaltungsroman "Franz Essink - Bi Liärvtieden", ist von ihm die Rede. Die akademische Corporation SAXONIA, eine der ältesten katholischen Studentenverbindungen im deutschsprachigen Raum, wurde hier gegründet und veranstaltete im besagten Lepperschen Wirtshaussaal ihre ersten Festkneipen. Darüber hinaus war der Wirtshaussaal lange Jahre das Verbindungshaus. Eichels Großvater Franz, der durch die Heirat der Ww.Lepper die stadtbekannte Altbierkneipe Leppers übernommen und zu einem beliebten Treffpunkt mit volkstümlichem Ruf gemacht hat, war zudem ein Zeitgenosse Landois, Bombergs und Franz Essinks. So lässt sich das närrische Erbe Willy Eichels nicht ohne Grund zu den tolldreisten und sagenumwobenen münsterischen Originalen zurückverfolgen, deren Geist sicherlich noch im Elternhaus wehte. Der Gasthof war jedoch nicht nur erinnerungsträchtiger "Original-Schauplatz", sondern bedeutete zudem Heimat auch für viele münstersche Sänger. Und das allabendliche Singen blieb nicht nur Erinnerung an eine erlebnisreiche Kindheit, sondern treibende Kraft - denkt man an die Vielzahl selbstgetexteter und komponierter Karnevalsschlager und verehrender "Münster- und Heimatlieder". 

         

Von der Frontbühne in die Bütt

Wie ein Großteil der Innenstadt Münsters fiel auch Eichels Elternhaus den Luftangriffen zum Opfer, doch geblieben war das Singen und der "Spaß an der Freud". Schon während des Krieges sorgte Gefreiter Willy Eichel nach seiner Verwundung als Humorist auf der Frontbühne mit Vorträgen, Büttreden und Gesang für Unterhaltung und Ablenkung. Nach Kriegsende standen noch "Einsätze humoristischer Art im Rahmen der Truppenbetreuung" mit seiner Big Band durch die Besatzungsmächte auf dem Plan, und schließlich widmete er sich ganz der Freude und dem Frohsinn und wurde Karnevalist im Zweitberuf. Den ersten größeren Auftritt als Humorist erlebte Eichel nach dem Kriege in der Gastwirtschaft "ZUR SCHLEUSE" - ein erlebnisschwerer Abend, der mit einer Saalschlacht endete, weil ausländische Besatzungsmitglieder nach Genuß hochprozentiger Getränke randalierten. Es folgten Gastauftritte bei Großveranstaltungen in Düsseldorf, Köln und Aachen, nicht zuletzt in der Halle Münsterland, die den Karnevalisten und Unterhaltungskünstler Willy Eichel schon bald weit über Münsters Grenzen hinaus bekannt machten. Als Schütze "Zietz", später zum "Gefreiten" und "Obergefreiten" befördert, als "Polizist" oder "Tönne Wirsing" brachte Eichel in humoristischen Vorträgen und Parodien den größten Teil selbst erlebte Alltagserfahrungen auf die Bühne, mit viel Situationskomik und entlarvendem Witz, die das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hinrissen. Es folgten die ersten Rundfunkdebüts: In Sendungen wie "Karneval zwischen Rhein und Weser" oder "Mit dem närrischen Mikrofon unterwegs" vom norddeutschen Rundfunk in Köln leistete Willy Eichel seinen münsterisch- westfälischen Beitrag für die Hörer der "närrischen Welle". "Hier zieht’s im NWDR". Als besonderer Erfolg für den münsterischen Karneval darf die Tatsache verzeichnet werden, daß der Norddeutsche Rundfunk entschieden hat, die Büttrede des Schützen "Zietz" (Willy Eichel) am Rosenmontag auf der Mittelwelle zu übertragen. Die Bandaufnahme der Büttrede wurde im Rahmen des vom NWDR in der Dortmunder Westfalenhalle veranstalteten vier Städtewettbewerbs gemacht, bei dem Willy Eichel mit seinem närrischen Vortrag rund zwanzigtausend Menschen in Begeisterung versetzte.  

(Münsterische Zeitung, 9. Januar 1955)

Als Humorist im Müttererholungsheim

Darüber hinaus war Willy Eichel als Ausrichter und Conferencier bei großen Betriebsfesten engagiert dabei - oder etwa als Ansager bei den Unterhaltungsabenden junger Amateure in der Lengericher Mühle. Bei diesen samstäglichen Talentshows, die unter dem Motto "Je-Ka-Mi" standen (Jeder kann mitmachen), sorgte Eichel für schmissige Auflockerung und mit beachtlicher Sensibilität für die behutsame Förderung talentierter Jungamateure: Hauptakteur an diesem Abend war Willy Eichel, der in der Faschingszeit in Münster eine Koryphäe und auch sonst als Ansager außerordentlich originell mitreißend pointiert ist. Er war, wie alle Je-Ka- Misten, Amateur, allerdings einer mit viel Routine. Unter seiner Anleitung und Ansage entfalteten sich Talente, die für die Öffentlichkeit bis dahin im Verborgenen blühten.

(Münsterische Zeitung, 17. April 1951)

Willy Eichels Gespür für begabte, bühnenreife Nachwuchskünstler war schon zu dieser Zeit sehr gut ausgeprägt und sollte zu einem soliden Fundament für die spätere Gründung und den Aufbau der aktiven Vereinigung namens Narrengarde PAOHLBÜRGER werden. Neben den bisher bekannten Aktivitäten ist das schon frühzeitig einsetzende soziale Engagement des Lepperschen Enkels in einem speziellen Bereich besonders herauszuheben: seit Ende des Krieges besuchte Willy Eichel mit seiner Kapelle Monat für Monat den Frohnhof, das Müttererholungsheim des Deutschen Roten Kreuzes in Münster-Wolbeck, um ohne Entgelt den Heimgästen einige Stunden der Unterhaltung zu bereiten. Gemeinsam mit befreundeten Karnevalisten und seinen Musikern wurde den erholungssuchenden Müttern ein kurzweiliges Programm mit altbekannten und neuen Schlagern, Solodarbietungen und humoristischen Einlagen serviert. Diese caritativen karnevalistischen Einsätze wurden zur Tradition, und auch nach der Auflösung des Frohnhofes im Mütterkurheim in Bad Salzuflen, Bad Oeynhausen und Bad Meinberg fortgeführt, und zwar bis in die siebziger Jahre hinein, als Willy Eichel schon längst für die vielfältigen und zeitintensiven sozialen Projekte der Narrengarde Paohlbürger verantwortlich zeichnete.

 

Mitgliedschaft in der "Narrenzunft Aasee"

Ende der vierziger Jahre setzte dann der Schritt in Richtung vereinsmäßig strukturiertem Karnevalistentum ein: Willy Eichel wurde (laut Eintrag im Vereinsregister) offiziell am 1. Februar 1950 Mitglied der NARRENZUNFT AASEE (NZA). Die 1923 gegründete und von dem rührigen Präsidenten Georg (Schorsch) Schüring geführte NARRENZUNFT schien gerade durch die in den dreißiger Jahren von den Nationalsozialisten "geförderte" Fusion mit der Karnevalsgesellschaft AEGIDII - ALTSTADT die gegebene Heimat für den Altstädter Willy Eichel. Gemeinsam mit dem für seinen "drögen" Humor gerühmten Norbert Zellerhoff sowie Willy Kiehn, Reinhold Bogatzki, Heinz Kersting und Gerd Bröker, die Eichel in die NZA holten, wurden sie schnell zu den närrischen Zugpferden der Gesellschaft. Als Schütze "Zietz" oder schlicht als "Eichelmann" - Quartett wurden fortan karnevalistische Ehren und Orden für die Aasee - Narren errungen. In dieser Zeit zählten die NZA-Akteure zweifellos zu den besten und quirligsten Idealisten unter den münsterischen Karnevalisten, die sich in der Karnevalssession 1952/53 gleich zweimal in besonderer Weise hervortaten. Zum einen galt es, das dreißigste Jahr des Bestehens der Narrenzunft am Aasee ausgelassen zu feiern, und zwar mit Prinz und Präsident und allem nur erdenklichen Zeremoniell, das sogar von "Fox tönende Wochenschau" gefilmt und am darauffolgenden Wochenende im Münsters Kinos ausgestrahlt wurde. Ein weiteres, für die Substanz in der Narrenzunft viel weiter reichendes Ereignis war schließlich die Gründung einer Interessenvereinigung der Akteure. Unter der Führung von Willy Eichel fanden sich 1952 die aktiven Karnevalisten, Sänger und insbesondere die Büttredner aller Gesellschaften zu einer Arbeitsgemeinschaft "Die Bütt" zusammen. Nach Kölner Vorbild wollte man eine Koordinationsstelle für die Büttkollegen schaffen, um den Karneval über den vereinsinternen Aktionsradius hinauszutragen und populär zu machen. Das närrische Publikum sollte, so das Leitmotiv Eichels damals, nicht bei jeder Sitzung ein im Großen und Ganzen unverändertes Programm serviert bekommen. Austausch untereinander, abstimmen aufeinander und Humorproduktion miteinander für den münsterschen Karneval, so hieß die Devise.

Akteursgemeinschaft "Die Bütt"

Am Anfang stand zweifellos der verbindende Gedanke an einen Akteurs-Kreis, der den karnevalistischen Bühnenarbeitern Raum schaffen sollte, um sich auszutauschen, aber auch, um sich gegenseitig zu inspirieren und sachverständig zu begleiten. Ein weiterer Aspekt war das oftmals belastende hierarchische Gefälle in einer Gesellschaft; denn, so Willy Eichels Erkenntnis, als Akteur ist man immer der Hanswurst, der die anderen wohl unterhalten soll, aber ansonsten nicht zum feinen Elferrat gehört. Erklärtes Ziel der Bütt-Gemeinschaft war es dann auch, die Arbeit der Aktiven mehr zu würdigen, selbstkritisch zu begleiten und begabten Kräften, auch und gerade kleineren Gesellschaften, die entsprechende Förderung zu ermöglichen und letztlich guten närrischen Nachwuchs nicht nur für die Bütt heranzubilden. Noch ganz idealistisch engagiert, lehnte man Honorare für die aktiven Narren grundsätzlich ab, jedoch nicht ohne gewisse Sonderregelungen (vergleiche NZA - Protokoll vom 4. Mai 1953) durchzusetzen, wie z. B. die allgemeine Beitragsbefreiung und eine geringe Aufwandsentschädigung für die vielen "arbeits- und zeitintensiven Einsätze" auf der Bühne. Die gute Idee und das ehrenvolle Engagement der Akteure hatten allerdings nur kurze Zeit Bestand. Die Trenngräben zwischen den einzelnen Gesellschaften erwiesen sich als kaum überbrückbar, und um den Karneval der Aktiven zu retten, tat Willy Eichel den konsequenten Schritt zur Gründung einer eigenen Karnevalsgesellschaft, in der an erster Stelle die Akteure und Aktiven stehen sollten.

Die Gründung der Narrengarde

Der zunächst losen Vereinigung unter dem Arbeitstitel "Die Bütt" kam schon bald der Gedanke an die Gründung einer eigenen Karnevals-Corporation. Anfang des Jahres 1954 nahm die Idee dann konkrete Formen an, übergangsweise gab man sich zunächst den Namen "Bürgergarde der Stadt Münster", jedoch währte diese Bezeichnung nicht lange. Dann schließlich auf einer Versammlungssitzung im Reichshof am Bahnhof (heutiger Wienerwald) gelangte man zu einer originelleren und im wahrsten Sinne des Wortes urwüchsigen Vereinsbezeichnung: Narrengarde Paohlbürger nannte man sich fortan, nach einem genialen Vorschlag des münsterischen Nachkriegsprinzen Mekki Reuter. Die Narren um Willy Eichel und Norbert Zellerhof griffen sogleich begeistert zu, zumal die Namensgebung einen entsprechenden Gag barg: die Narrengarde Paohlbürger war als elfte Karnevalsgesellschaft der Stadt Münster entsprechend traditionsbewusst aus elf Buchstaben (geeint) und gegründet worden. Wie könnte es anders sein, am 11. im 11. des Jahres 1954 fand die erste karnevalistische Sitzung im Reichshof statt. Mit von der Gründerpartei waren damals fünf Männer, und zwar Kurt-Adolf König, Günter Jeffke, Kurt Weinmann, Norbert Zellerhof und Willy Eichel. Mit der Eintragung ins Vereinsregister war der programmatische Weg der Narrengarde gleich festgelegt. Man wollte eine Vereinigung gleichgesinnter Akteure, eine Aktivengemeinschaft sein, zur Pflege des karnevalistisch-heimatlichen Brauchtums, mit einem (wie später noch zu zeigen sein wird) ausgeprägtem sozialen Engagement. Die Wahl des Namen Paohlbürger für die neu gegründete Gesellschaft bedeutete dabei für Willy Eichel mehr als nur einen geschichtsbezogenen Begriff, der an die Pfahl-Bürger, die Altmünsteraner und ihre Traditionen erinnert. Die Bezeichnung Paohlbürger manifestierte sozusagen die Fortführung des Lepperschen Erbes und stand als Hommage an die unvergessenen Original Münsters, die im elterlichen Haus verkehrten. Ein Paohlbürger zu sein kam nun dem Auftrag gleich, die überlieferte Sprache, nämlich das Plattdeutsche, sowie das altwestfälische Lebensgefühl und Brauchtum als ein Stück Heimat in bewährten Händen fortzuführen. die elfte münsterische Karnevalsgesellschaft mit diesen elf Buchstaben wollte an den tradierten Elementen des Karnevals festhalten und zugleich die Erinnerung an die urwüchsigen Persönlichkeiten der Stadt Münster wachhalten. Die Ausrichtung an mundartlichem und stadtgeschichtlichem Kulturgut brachte dann auch konsequenterweise noch eine weitere Besonderheit für die Vereinsstruktur mit sich. So kam Willy Eichel eines Tages auf die Idee, den gesamten Paohlbürger-Vorstand mit plattdeutschen Titeln zu versehen: der 1. Vorsitzende und Präsident der Gesellschaft hieß von nun an "Vörnste Baas", der Ehrensenatspräsident "Schulte vom Hoff", der Narrensekretär "Vörnste Grautknecht", der Säckelmeister "Kassmänkesverwolter", der Vertreter der Akteure "Küermäsen und Schriehölse". Der Sprecher des Elferrates hört auf den Namen "Küerkloas", der Mundschenk ist "Hüeldöppkesverdeeler" und der Zeremonienmeister nennt sich "Gedönsmester". Als weiteres Novum gegenüber anderen Gesellschaften kommt hinzu, daß die Repräsentanten der Narrengarde keine, wie sonst üblich, monoton befrackte Elferräte sind, sondern Vereinsmitglieder in historischen Kostümen der münsterischen Originale. Da gibt es dann auf den großen Galaprunksitzungen, aber auch bei nicht karnevalistischen Anlässen, den Kiepenkerl als Auf- und Verkäufer westfälischer Produkte zu sehen, dann den Zoobegründer Hermann Landois, den Geldverschwender und Lebemann Giesbert Freiherr von Romberg, besser bekannt unter dem Namen Toller Bomberg, den populären Schutzmann Felix Marie Harpenau, die Appeltiewe vom Rathausplatz, den Türmer von Sankt Lamberti und den drolligen Briefträger Overnüerte. Der Ziegenbaron Rennesse sowie der Leierkastenmann Jans Giese und Flörken und Kösters sind ebenfalls mit im Elferrat vereint. Kiepenkerl, Bomberg, Landois und Felix Marie gehören sozusagen zur Paohlbürger-Ausstattung und besuchen bei besonderen Gegebenheiten Ehrensenatoren und verdiente Mitglieder der Gesellschaft, wobei sie dann humorgewürzte Vorträge, oftmals in Form locker pointierter "Alltagsgespräche zwischen Kiepenkerl und Landois" zum besten geben und dabei die Grüße und Glückwünsche der Gesellschaft vermitteln. Aus den Männern der Bütt war somit ein eigenständiger Verein mit einem besonders stadtgeschichtlichen Akzent geworden, der aufgrund der reichhaltigen Erfahrungen und quasi geballter Ladung Karnevalspraxis seiner Mitglieder aus dem Vollen schöpfen konnte. Dabei standen und stehen heute noch immer die Akteure wie "Orchideen" im Mittelpunkt des Paohlbürgergeschehens, und dies nicht zuletzt, weil der Vörnste Baas Willy Eichel selbst als Büttredner, Musiker und Sänger aktiv war und ist und somit Sorgen und Nöte, aber auch die Freuden der Aktiven teilt. Dank der großen Zahl närrischer Produzenten konnte die junge Gesellschaft im ersten Sessionsjahr ihres Bestehens mit einer profihaft gestalteten Galaprunksitzung aufwarten. Alo Everding, der erste Paohlbürgerpräsident, konnte im bis auf den letzten Platz besetzten Aegidiihof (vergleiche Pressebericht der Münsterischen Zeitung vom 23. Januar 1956) zahlreiche Gäste aus befreundeten Karnevalsvereinigungen begrüßen und natürlich die ersten Orden der Gesellschaft verleihen. Die erste Großveranstaltung der jüngsten Karnevalsgesellschaft Münsters wurde - wider Erwarten mancher Kritiker - ein Riesenerfolg und Ansporn zugleich zu weiteren närrischen Großtaten.

Die ersten närrischen Jahre

Schon ab dem ersten Jahr des Bestehens der Narrengarde Paohlbürger wurde ein ganz professionell ausgestattetes Programm mit allen karnevalistisch obligaten Höhepunkten geboten, das sich hinter den Stammhaltern der münsterischen Narrenszene nicht zu verstecken brauchte, im Gegenteil. Der Veranstaltungskalender der Paohlbürger-Session 1957 begann so z. B. mit einem stimmungsmachenden Auftakt, lockte das münsterische Publikum sodann mit einer vielversprechenden, großen Galaprunksitzung und sah, neben Kinderkarneval und Hausfrauen-Nachmittag, zahlreiche Festivitäten und Aktionen im Nonstop-Durchlauf vor, die schließlich im traditionellen Fischessen am Aschermittwoch ihr vorläufiges offizielles Ende fanden. Das schon recht ausgeprägte und vielschichtige Paohlbürgerleben fand in diesen Jahren, wie bei anderen Gesellschaften ebenso, über die diversen Lokalitäten Münsters verteilt statt.

Narrengarde Paohlbürger als Corporation

Noch hatte man keine eigenen "vier Wände", und der Gedanke an ein Vereinshaus wie den späteren Spieker kam selbst den kühnsten Paohlbürgern noch nicht in die Narrenkappe. Zunächst galt es, die aus der Büttgemeinschaft übernommenen Zielsetzungen, die Idee einer von einem ungebändigten Schaffenswillen getriebenen, gleichberechtigt engagierten Narrengemeinde in die Praxis umzusetzen. Gleichwohl wurde ein genialer Clou entwickelt: Um das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder untereinander zu stärken, wurde als "einendes Band" die corporationsmäßige Ausrichtung der Gesellschaft eingeführt. Wie es bei studentischen Verbindungen üblich ist, bekamen aktive Paohlbürger und später dann die neu aufgenommenen Senatoren die "verbindlichen Auszeichnungen": Band, Bierzipfel und Ausweis und sogar die karnevalistische Hinterkopfmütze wurden, mit Paohlbürgerfarben und Vereinsemblem versehen, an den "Mann" gebracht. In einer Zeit, in der die Studenten gegen tradiierte Werte protestierend auf die Straße gingen, wurde von den Paohlbürgern ein menschlich verbindendes Zeichen gesetzt - ein Brauch, der bis heute bei besonderen Anlässen - und insbesondere den Senatorentreffen - gern und gewissenhaft gepflegt wird. Unter seinem Präsidenten Alo Everding wurde die Narrengarde erfolgreich durch die ersten Karnevals-Sessionen geführt. Sie war dabei bemüht, die noch junge Gesellschaft auszubauen und personell schlagkräftiger zu machen. Zahlreiche Aufgaben des karnevalistischen Alltags galt es zu bewältigen, so mußte z. B. der Kostümfundus bei steigender Mitgliederzahl ständig ergänzt werden, und um die närrischen Sitzungen gebühren ein- und ausläuten zu können, war zudem die Heranbildung und Betreuung von Fanfarenbläsern und Trommlern nötig. Durch die überzeugende und mitreißende Gestaltung des Karnevalsprogramms der Narrengarde und aufgrund der wohlwollenden Förderung der Aktiven konnten letztlich immer neue Akteure und sympathisierenden Jecken für den Verein gewonnen werden.

Aktive und Bühnenvirtuosen

Der rührige Akteurs-Verein wurde zu einem wahren Schmelztiegel aktiver Narren. Besonders herauszustellen sind in dieser Zeit um die sechziger Jahre z. B. auf musikalischer Ebene das Harrison-Mundharmonikatrio - Jürgen Jahrbeck, Hans Richard Elfers, Rolf Breitbach und Wolfgang Heister, das Eichelmann-Quartett mit Willy Eichel, Gerd Bröker, Dieter Brüsecke und Karl-Heinz Stegemann. Neben den Nachwuchsakteuren Erwin Königsmann und Horst Weiss als Kappesköppe zählten Walter Arntz, Hermann Thiehoff und Heribert Witte zu den erfolgreichen Einzeldarstellern und Parodisten der Gesellschaft. Als unerreichbare Meister des Humors galten und gelten die bis heute aktiven und zu den Stützen der Paohlbürger zählenden drei Männer der ersten Stunden - sozusagen das närrische Triumvirat der Paohlbürger: Willy Eichel als Sänger und Büttredner, Hans-Jürgen Gartzke als Musikvirtuose und Büttredner und Norbert Zellerhoff in seiner unvergleichlichen Art als "dröger Westfale". Nicht vergessen werden dürfen die Gesangsvirtuosen dieser Zeit, wie z. B. der Tenor Heinz Kersting, der beim früheren Soldatensender Belgrad mitwirkte, Lothar Thelen, Alfred Schnitzler und Hubert Conen, der zahlreiche Schlager und Potpourris schrieb. Aus dem Elferrat kam jetzt ein weiterer aktiver Büttredner, und zwar das Mitglied Herbert Brüggemann, der von nun an den Kiepenkerl in der Gesellschaft verkörpern sollte. Ein ausgesprochenes Erfolgsgespann, das Anfang der sechziger Jahre die münsterischen Narrenherzen eroberte, darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Willy Eichel und Hans-Jürgen Gartzke als "Vater und Sohn". Gartzke war mit knapp 25 Jahren der Gesellschaft beigetreten und mit seiner 1,55 Metern Lebensgröße der "kleinste" Musiker Münsters, der in der ersten Session musikalische Spitzenleistungen auf seinem Xylophon lieferte. Schließlich entdeckte er auch seine humoristischen Fähigkeiten, und so entwickelten sich die Bütt-Partner "Vater Eichel und Sohn Gartzke" nach und nach zu wahren Publikumslieblingen. Im kindlich verspielten Matrosenanzug lieferte "Hänschen", wie er von die Paohlbürgern liebevoll genannt wurde, als kongenialer Partner Willy Eichel frech-witzige Kontraparte, wie die "Faust auf Auge" seines Bühnenvaters. Vater "Willy" und Sohn "Hänschen" spielten mit ihren von hinreißender Situationskomik gewürzten "Alltagsbetrachtungen" ihre Kollegen glatt an die Wand, wie es z. B. die Münsterische Zeitung anläßlich des Gauditorium-Maximum in der Hallte Münsterland zu berichten weiß (Auszug: ... "von den Darbietungen eine herauszuheben, wäre nicht recht. Es gab eigentlich nur Höhepunkte, das bewies die Reaktion des Publikums. Nur eines erscheint uns besonders erwähnenswert: der anerkannt beste Büttvortrag, der während der Session geboten wurde, nämlich Willy Eichel und Hans-Jürgen Gartzke als "Vater und Sohn" wurde nicht gebracht - MZ vom 22.02.1965). Ein exzellentes Programm und mitreißende Darbietungen und Aktionen, nicht nur während der Karnevalssession, ließen die Mitgliederzahlen der Narrengarde von Jahr zu Jahr wachsen. Im Jubiläumsjahr 1965, knapp 10 Jahre nach Gründung der Narrenvereinigung, konnte man immerhin schon auf stolze 135 Paohlbürger blicken und sich zu den renommierten Gesellschaften Münsters zählen. Besonders beachtlich war die noch hinzukommende Anzahl der Akteure - war man doch mit 27 Sängern und Büttrednern spielend in der Lage, Festprogramme ausschließlich mit Aktiven aus den eigenen Reihen zu bestreiten. Kiepenkerl und Co. bewirkten unbestreitbar die positive Mitgliederentwicklung, aber auch die vielen phantasievollen, spektakulären Aktionen und Einlagen um den Paohlbürger-Karneval herum sorgten für die zunehmende Attraktivität und Popularität der Gesellschaft. An zwei dieser närrischen Unternehmungen aus dieser Zeit sei im Folgenden erinnert: Das Einholen des Kiepenkerls und der Bomberg-Empfang. Hatten die Narrenzünftler vom Aasee ihren "Klabautermann" und die Wiedertäufer vom Buddenturm ihren "Morio", so sollte es nicht lange dauern, eine geeignete Symbolfigur für das karnevalistische Treiben der Paohlbürger zu finden. Der Kiepenkerl gehörte ohnehin von Anfang an zur "Original-Besetzung" der Narrengarde und entwickelte sich mehr und mehr vom westfälischen Wahrzeichen zum ersten Repräsentanten der Gesellschaft. Was lag näher, als den Kiepenkerl zur karnevalistischen Schlüsselfigur, zum närrischen Maskottchen der Narrengarde zu machen und ihn zu Beginn einer jeden Session "feierlich" einzuholen. Zudem bot sich an, auf Münsters Kiepenkerl-Tradition und dessen gleichnamiges Denkmal im Stadtviertel gleichen Namens zurückzugreifen, um dort in gebührendem Rahmen in die "fünfte" Jahreszeit zu starten. Um den von den Karnevalisten heiß ersehnten 11. im 11. herum wurde jedoch nicht nur der Kiepenkerl (alias Herbert Brüggemann) leibhaftig von seinem Sockel geholt, er eröffnete sogleich auch einen dicht umlagerten Freibierbrunnen in Form von mehreren Fässern Bier. An dieser Stelle und in diesem Zusammenhang sei einmal ein ganz herzliches "Danke schön" an die Adresse der Germania Brauerei in Münster gerichtet, die unter ihrem Chef, Herrn Egbert Preussner, die KG Paohlbürger von der Gründerzeit bis auf den heutigen Tag in hervorragender Weise unterstützt hat. Nach dem lockeren "Eintrinken am Kiepenkerl-Denkmal" schloß sich dem Auftakt-Zeremoniell oftmals ein Auto-Corso durch die Straßen der Stadt an, um den närrischen Aufbruch der närrischen Paohlbürgerzeit zu demonstrieren. Als besonders offentlichkeitswirksame Auftakt-Einlage und gelungenen Gag ist auf jeden Fall die Empfangs-Aktion für den Tollen Bomberg zu nennen. An der Schwelle zur Karnevalssession 1957/58 hatten die Paohlbürger die berühmten Film- und Fernsehmatadoren Hans Albers und Paul Henkels nach Münster holen können, um mit ihnen gemeinsam die närrische Zeit einzuläuten. Albers und Henkels waren die Hauptdarsteller der damals viel diskutierten Verfilmung der Bomberg-Biographie und kamen nun, im Anschluß an einen mehrmonatigen Urlaub auf Schloß Buldern, nach Münster, um mit den Paohlbürgern die Welturaufführung des schon angelaufenen Bomberg - Films noch einmal zu wiederholen - so schien es.

 

Empfangsaktion für den "Tollen Bomberg"

Zur Feier des Tages war die Narrengarde in kompletter "Original-Besetzung" am Münsterischen Hauptbahnhof erschienen. Die von der Tagespresse zuvor informierte Bevölkerung nahm in einem beeindruckenden Ansturm an dem großen "Bahnhof" für die Filmstars teil. und sogar eine Fernsehkamera nebst Reportern und Lautsprecherwagen waren aufgefahren, um das anstehende Ereignis mitzuverfolgen. Die Paohlbürger waren natürlich nicht ganz unschuldig an der überwältigenden öffentlichen Anteilnahme, hatten sie doch zuvor eigens für diese Veranstaltung ein spektakuläres Faltblatt in Umlauf gebracht, das die Sensationsgier der befreundeten Karnelvalisten und münsterischen Bürger anstachelte (siehe nebenstehendes Flugblatt). Mit dem Eintreffen des Zuges mit den beiden "Stars" wurde den Filmschaffenden und den Zuschauern ein exakt einstudierter triumphaler Empfang bereitet. Das Hans Albers und Paul Henkels, die zwar in historischen Kostümen auftraten, bei alldem gar nicht "leibhaftig" anwesend waren, sondern "nur" von Willy Eichel und Heribert Witte genial kopiert wurden, merkten die neugierigen Zuschauer zunächst kaum und wenn, dann tat es dem vergnüglichen Spektakel keinen Abbruch. Vom "Rundfunkreporter" Hubert Conen gebührend kommentiert, wurden die erlauchten Gäste in einem von zwei Schimmeln gezogenen Landauer zum Kiepenkerl-Denkmal befördert, gefolgt vom Autocorso der Paohlbürger. Nach der Einholung des Kiepenkerls in Gestalt von Herbert Brüggemann ging die Fahrt dann weiter zur Gaststätte Aegidiihof, wo die heitere Bomberg-Episode schließlich in die traditionelle Prunksitzung mündete. Diese originelle und von der münsterischen Bevölkerung begeistert aufgenommene Auftaktveranstaltung in die närrische "fünfte Jahreszeit", die ein Humor-Exempel des leibhaftigen Bomberg hätte sein können, wurde Anfang der sechziger Jahre "des großen Erfolges" wegen noch einmal wiederholt (vergleiche Berichterstattung der Münsterischen Zeitung vom 14. November 1957).

Jubiläums- und Galasitzungen

Unter dem Deckmantel der Narrenfreiheit setzten die Paohlbürger mit ihren originell-witzigen Aktionen und Darbietungen unübersehbare Zeichen in der münsterischen Karnevalsszene. War die Narrengarde zwar auch noch jung an Vereinsjahren, so konnte sie durch professionelle Programmgestaltung und populäre Narreteien zusehends an Image und Renommee gewinnen, so daß sie schon bald einen Vergleich mit den alt-ehrwürdigen Karnevalsgesellschaften Münsters nicht zu scheuen brauchte. Ob nun mit dem "Einholen des Kiepenkerls" oder dem "Bomberg-Empfang", immer wieder setzten die Paohlbürger Akzente im Namen von Freude und Frohsinn. Neben dem mehr und mehr aufblühenden Ideenpotential wurde immer zugleich die soziale Komponente in Verbindung mit dem karnevalistischen Brauchtum gepflegt. Wie schon erwähnt, sorgte sich Willy Eichel seit Kriegsende mit allmonatlichen Unterhaltungsabenden um Münsters erholungsbedürftigen Mütter in den Kurheimen des DRK, Münster-Wolbeck, Salzuflen, Oeynhausen und Meinberg. Diese ehrenhafte Tradition wurde schließlich von der Narrengarde Paohlbürger fortgesetzt, und hinzu kamen die bis heute beibehaltenen jährlichen närrischen Auftritte vor Senioren im städtischen Altenwohnheim Klarastift sowie die großen Sozialveranstaltungen für die Behinderten und Senioren der Stadt Münster. Der ausgeprägte Sinn für soziale Verantwortung veranlasste die Narrengarde vielfach zu spontanen Hilfsaktionen. So wurde z. B. die Karnevalssitzung zum Auftakt der Session 56, die ganz im Banne der militärischen Ereignisse in Ungarn stand, kurzerhand zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten der Hilfsmaßnahmen des Deutschen Roten Kreuzes umfunktioniert, und mehr nebenbei konnte sodann im Saalbau Deitert die Einführung der Junggarde sowie die Enthüllung des neuen Banners durch Prinz Wilhelm II. (Honert) feierlich vollzogen werden.

Zehn Jahre Paohlbürger Karneval

Mit der Karnelvalssession 1964/65 konnten die Paohlbürger dann ein Jubiläum feiern, das so mancher münsterische Karnevalist anfangs nicht für möglich gehalten hätte: die Narrengarde wurde 10 Jahre alt. 10 Jahre Karneval und Dienst unter der Narrenkappe hatten den Paohlbürgern Anerkennung, Erfolg und einen festen Platz unter Münsters honorigen Gesellschaften eingebracht. Im Jubiläumsjahr wurde auf einer Herrensitzung am 11.11. zunächst Franz-Josef Ahlers zum neuen Präsidenten der Gesellschaft proklamiert. Auf den sonst üblichen Freibierbrunnen am Kiepenkerl hatte man in diesem Jahr verzichtet, da die Narrengarde einen großen Empfang im Mühlenhaus an der Bockwindmühle vorbereitet hatte. Zahlreiche Gäste aus Regierung, Rat und Verwaltung der Stadt sowie Vertreter der münsterischen Karnevalsgesellschaften waren eingeladen. Eine mit zahlreichen Aktionen ausgestattete Jubiläumsprunksitzung im Zoo-Festsaal, die erstmals sogar vom Fernsehen aufgezeichnet wurde, sowie eine ausgezeichnete Festschrift gehörten um umfangreichen Jubiläumsprogramm der Narrengarde.Die Jubiläumsshow im Mühlenhaus, das in den nachfolgenden Jahren zum Schauplatz des närrischen Tennengerichts werden sollte, war bis auf den letzten Stuhl gefüllt. Das Eichelmann-Quartett, Lothar Thelen mit seinem berühmten Westfalen-Lied sowie Kiepenkerl Herbert Brüggemann und Landois Werner Jacobs und last not least Norbert Zellerhoff und die karnevalistische Aufnahmefeier der neuen Ehrensenatoren sorgten für eine ausgelassene Stimmung.

Vereinsfahne wird "bar" bezahlt

Als Nachtrag zur Jubiläumsprunksitzung der Paohlbürger-Narrengarde im Zoo-Festsaal ist über eine besonders närrische Begebenheit noch zu berichten. Die Verantwortlichen der noch jungen Karnevalsgesellschaft hatten sich nämlich schon einige Zeit zuvor entschlossen, eine Vereinsfahne mit Paohlbürger-Emblem zu bestellen, um damit der närrischen Zukunft in gebührend offiziellem Rahmen entgegentreten zu können. Zweidrittel des Geldes sammelte Willy Eichel durch den Verkauf einer von ihm entworfenen Vereinsplakette unter dem Motto "Mit 5,- DM sind Sie dabei!". Das neue Narren-Banner wurde dann auch gleich bei der renommierten Firma Fahnen-Reuter in Auftrag gegeben. Damit nahm die weitere Entwicklung bis zur feierlichen Übergabe der Fahne so ihren närrischen Verlauf. Da der Fahnenproduzent (und münsterische Ex-Karnevalsprinz) Mekki Reuter von der rührigen und oft erfolgreichen Bettel- und Spendenpraxis wußte, nahm er im Vorfeld bei jedem Besuch der Narrengarde die Gelegenheit wahr, ganz besonders zu betonen, daß die anzufertigende Vereinsfahne in "bar" zu bezahlen sei. Die ganze Zeit wurde Mäkki es nicht müde, immer darauf hinzuweisen, daß bei der Herstellung des feinen Tuches ein Löwenanteil an immensen Lohnkosten anfallen würde, die auf jeden Fall in barer Münze gezahlt werden müßten. Ein Narr, ein Wort - wollte man doch einen Karnevalskollegen nicht vergraulen und entstandene Arbeitskosten selbstverständlich honorieren. Zur Jubiläumsfeier in der Session 64 war es dann selbstverständlich so weit: Die junge Narrengemeinschaft aus der ehemaligen Bütt-AG konnte auf eine zehnjährige karnevalistische Vereinsgeschichte zurückblicken und sich zu den renommierten Gesellschaften Münsters zählen. Höhepunkt des Abends war dann zweifellos die feierliche Übergabe des neuen Vereinsbanners durch Mekki Reuter höchstpersönlich, der nun natürlich der zugesagten Bar-Bezahlung entgegen sah.Und dann kam sie auch schon angerollt - die Bargeldkolonne. Vorsichtshalber hatte man Mecki einen Stuhl gereicht und den brauchte er auch. Wurde er doch förmlich "erschlagen" von den angefahrenen Schubkarren voller Geldsäcke -randvoll mit feinsten Kupfermünzen, die dann vor dem "Gläubiger" ausgekippt wurden. Das Erstaunen angesichts dieses närrischen Finanzierungs-Gags war sichtlich groß und der verehrte Mäkki hatte schließlich seine liebe Mühe, alles Bare - bis auf den sprichwörtlich letzten Pfennig - mit nach Hause zu bekommen.

Närrische Ehrung durch "Goldenen" Bomberg -Taler

Doch damit nicht genug des närrischen Vergnügens an diesem Jubiläumsabend. Um Geld für wichtige vereinsinterne Anschaffungen hereinzubekommen, hatten die Paohlbürger in Zusammenarbeit mit der münsterischen Stadtsparkasse und der Bank für Gemeinwirtschaft eine Silbermünze mit Bombergmotiv entworfen und für 45,00 DM an Liebhaber und Karnevalsfreunde verkauft, wobei 3,00 DM pro verkauftem Exemplar an die Narrengarde für den Kauf und des Ausbau eines Übertragungswagens ging. In Anlehnung an diesen populären silbernen Bomberg-Taler hatten die Paohlbürger nun fünf Zentner Schokoladentaler in Gold anfertigen lassen, die auf den ersten Blick ausgesprochen echt aussahen. Nun wären die Paohlbürger keine Karnevalisten, hätten sie nicht auch hieraus närrisches Kapital geschlagen. So wurde jetzt anläßlich der Jubiläumsfeier zum zehnten Geburtstag der Gesellschaft neben der feierlichen Bannerübergabe und der "Entlohnung" Mekki Reuters eine besonders angekündigte Ehrung verdienter Vereinsmitglieder und karnevalistischer Kollegen vorgenommen. Als "Bomberg-Taler in Gold" auf rotem Samt in einem Spezialkästchen präsentiert, wurde ein Narr nach dem anderen mit dieser hohen und (scheinbar äußerst wertvollen) Auszeichnung geehrt. Mit stolzgeschwellter Brust und erhobenen närrischen Hauptes zogen die Geehrten von dannen und stellten oftmals erst Tage später fest, daß sie "genarrt" worden waren.

Die elfte Karnevalsgesellschaft Münsters mit den elf Buchstaben konnte aus närrischem Anlaß ihre Jubelfeier gleich nonstop noch eine Weile weiterführen, galt es doch, in der nachfolgenden Session den elften Geburtstag der jungen Gesellschaft zu begehen. Erstmalig in der Geschichte des münsterischen Karnevals schlossen sich hierzu zwei Gesellschaften zusammen: die Paohlbürger und die Bösen Geister, um gemeinsam eine große Galasitzung in den Zoosälen zu gestalten. Durch den Zusammenschluss konnten zusätzliche Spitzenleistungen auf der Bühne garantiert und darüber hinaus ein besonderer musikalischer und optischer Leckerbissen engagiert werden: die aus Funk und Fernsehen bekannten Jacob-Sisters. Daneben gab es das bewährte Paohlbürger-Team Eichel und Gartzke - diesmal mit humoristisch gefärbten Alltagserfahrungen als Vater und Tochter "Melissa". Alles in allem wurde es eine qualitativ hochwertige Prunksitzung der Paohlbürger, die mit ihrem Stab an Büttrednern und Akteuren ein exzellentes vierstündiges Programm mit Topstars der Show-Branche lieferten und damit selbst den verwöhntesten Ansprüchen schmeichelten.

Prunksitzung und OB auf Schallplatte

Die Gala-Sitzungen der Narrengarde bedeuteten stets ein Maximum an westfälischem Humor und karnevalistischem Esprit, und da man wenigstens eine dieser unvergleichlichen Narrenshows nicht "verschütt" gehen lassen wollte, entschied man sich für den Superclou, die große Gala-, Prunk- und Fremdensitzung in den Zoosälen vom 13. Februar 1970 auf Schallplatte aufzunehmen. Damals präsentierte mit Witz und Entertainer-Routine Oberbürgermeister Dr. Albrecht Beckel und führte Münsters Narren mitreißend durchs närrische Programm. Zum ersten Mal in der münsterischen Stadtgeschichte gab es damit einen Oberbürgermeister in Stereoton auf schwarzer Scheibe. Einmalig war diese Aktion zudem, da die Narrengarde die einzige Karnevalsgesellschaft bundesweit war, die sich im Schallplattengeschäft versuchte. Als Quintessenz der gesamten Prunksitzung konzentrierte die Hamburger Plattenfirma Phillips das Programm auf die Spitzendarbietungen und fasste es auf fünfundvierzig Minuten Spielzeit zusammen. In einer Stückzahl von 12.000 Exemplaren wurde die Platte pünktlich am 11.11.71 auf den "Markt" beziehungsweise vors Münsterische Rathaus gebracht, wo sie von der Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, Frau Else Weeks, offiziell vorgestellt und zum Verkauft angeboten wurde. Immerhin waren 2,00 DM des Verkaufspreises von 7,50 DM als Unterstützungsbeitrag für das Deutsche Rote Kreuz gedacht. Münsters Oberbürgermeister Beckel erhielt bei dieser Gelegenheit eine besondere Auszeichnung: die "Goldene Schallplatte" (die ansonsten nur bei hundertfacher Auflage vergeben wird). Und in dieser nachfolgenden Karnevalssession setzte man gleich noch ein "Medienspektakel" obendrauf: die Herausgabe eines Mini-Farbfernsehgerätes. Eine Art Taschenfernseher mit einem "närrischen" vierten Programm war konstruiert worden, der beim Hindurchgucken 16 Farbdias aus der vergangenen Karnevalszeit offenbarte und als Beigabe zu den Sitzungskarten überreicht wurde.

 

Tatjana Iwanov als Sitzungspräsidentin

Ob im Lindenhof oder in der Halle Münsterland, Jahr für Jahr gab es ausgefeilte Gala-Abende mit humoristischen und künstlerischen Darbietungen in zwerchfell-strapazierender flotter Abfolge und immer mit besonderen Bühnenattraktionen. Ein gelungener Gag bedeutete z. B. der Auftritt der Paohlbürger Tanzgruppe "Brasiliana de Limbo 1972", bei dem sich zwei Aktive der Narrengarde in etwas beleibte aber gelenkige Brasilianerinnen verwandelten und den berühmten Limbo nach feurigen südamerikanischen Rhythmen in ihrer ganz besonderen und zu Lachsalven reizenden Art tanzten. Ein anderes Mal, auf der von Landesdirektor Walter Hoffmann gemeinsam mit Alo Everding geführten Prunksitzung im Februar 1974 gab es eine von Willy Eichel als Conferencier geleitete Modenschau zu sehen, die mit einem "gewagten Strip" von Wolfgang Heister endete. Tränen liefen den Zuschauern die Wangen herunter. Als in der Mitte der siebziger Jahre die Schauspielerin Tatjana Iwanov am münsterischen Stadttheater in dem bekannten Musical "Hello Dolly" Erfolge feierte, kam den Paohlbürgern die Idee, die Dolly zur Ehrensenatorin der Gesellschaft zu machen. Und damit nicht genug: nach der gestrengen Aufnahmeprüfung durch das närrische Tennengericht erklärte sich Tatjana Iwanov im Gegenzug zu einem erworbenen Ehrentitel (und natürlich dank des Verhandlungsgeschicks des Vörnsten Baas Willy Eichel) bereit, die große Gala-Prunksitzung zu leiten. Als erste deutsche Karnevalsgesellschaft hatte die Narrengarde Paohlbürger eine prominente Frau als Sitzungspräsidentin gewinnen können und zugleich im aufkommenden Zeitalter der Emanzipation des weiblichen Geschlechts einen wertvollen Beitrag geleistet. In einem dreieinhalbstündigen Programm der guten Laune stellte der Bühnenstar sein Showtalent auf charmante Art unter Beweis und setzte zudem mit einem fünfundvierzig minütigen Musikpart einen akustischen und optischen Höhepunkt in der bisherigen Paohlbürger Geschichte. Einmal mehr hatten Akteure und Vorstand der Narrengarde damit bewiesen, daß sie in der Lage sind, spontan für eine Attraktion außerhalb traditionellen starren Sitzungskarnevals zu sorgen, die man in dieser Form nicht so einfach kopiert.

Senatorentaufe und Tennengericht

Zur wichtigsten Gruppierung innerhalb der Narrengarde zählt zweifellos die Gemeinschaft der Akteure, die nach Willy Eichels Bekunden zu den "Garanten einer gesunden Karnevalsgesellschaft zählen" und von ihm wie "Orchideen" gepflegt werden. Neben den Aktiven auf der Bühne und in der Bütt gibt es dann die nicht minder wichtigen "Senatoren" und "Ehrensenatoren", die sich in ideeller, tatkräftiger, wie finanzieller Hinsicht um die Gesellschaft verdient gemacht haben. Die Einrichtung des SENATS sollte quasi als "Rückgrat" das Vereinsleben stabilisieren und durch den Ehrentitel "SENATOR" zu besonderer Mitarbeit motivieren. Mit der Gründung des Senats gleich in den ersten Vereinsjahren (für Alt-Paohlbürger zur Erinnerung: in der Gaststätte BIEDERMEIER) war neben der Akteursgemeinschaft gleichsam das zweite Standbein der Gesellschaft herangebildet. Traditionellerweise wurden die angehenden Senatoren einen Tag nach Rosenmontag, am sogenannten "Veilchendienstag", nach originell-feuchtem Ritus getauft. Zahlreiche prominente "Narren" wohnen dann den Aufnahmeprüfungen bei, die unter der liebevollen "Fürsorge" gestandener Paohlbürger immer mit viel Wasser, Schnaps und anderen gepfefferten Zutaten ablaufen.

"Westfälische Wasserspiele"

Die Senatoren-Anwärter, die vorsorglich Ersatzkleidung mitbringen sollten, erleben dann eine außergewöhnliche Tauffeier - Marke "Westfälische Wasserspiele" - zur spitzbübischen Freude und Erheiterung aller anwesenden Jecken. Ein typisches Beispiel einer gelungenen Senatorentaufe sei hier kurz beschrieben: mit verbundenen Augen wird der "Delinquent" in die Tenne geführt und, um ihm die Orientierung zu erleichtern, einige Male um die eigene Achse gedreht. Unter Bambusstangen hindurch, zwischen Flasche Slalom kriechend darf er danach versuchen, den ihm zugedachten Stuhl zu erreichen. Dieses Vorhaben wir allerdings durch "Quälgeister", die den angehenden Senatoren an den Beinen ziehen und ihm Schnaps über die Hose gießen, außerordentlich erschwert. Wenn der Ärmste seinen Stuhl gefunden hat, kann ihn dann ein Fußbad erwarten, eigentlich eine gesunde Sache, nur wird ihm keine Möglichkeit gelassen, Schuhe und Strümpfe vorher auszuziehen. Zur Stärkung erhält er daraufhin z. B. eine mit Pfeffer, Senf und Paprika verfeinerte Gurke. Schließlich erfolgt die eigentliche Taufe - unter dem Motto: Wasser zum Saufen, Schnaps zum Taufen - und als Krönung der Zeremonie kann es dann auch noch mal eine Dusche aus einem 5-Liter-Eimer geben. An diesem Punkt angelangt, sind die frischgetauften Senatoren soweit "fertig", um sodann feierlich den Eid auf die PAOHLBÜRGER-Fahne zu leisten und mit den Insignien der brüderlichen Gemeinschaft (Band, Bierzipfel, Mütze und Ausweis) ausgestattet, die quasi "eheliche" Verbindung zu besiegeln. Zehn Jahre nach Vereinsgründung war auch der Zeitpunkt gekommen, verdiente Freunde und Gönner der PAOHLBÜRGER und namhafte Narren aus Wirtschaft und Politik zu besonderen Ehren, sprich sogenannten EHRENSENATOREN zu küren. Ab 1965 dann gab es einen feierlichen närrischen Aufnahmeprozeß im Mühlenhaus an der Bockwindmühle, wobei sich die Ehrenanwärter vor dem berühmt gewordenen TENNENGERICHT verantworten müssen, einer Idee des Vörnsten Baas Willy Eichel.

Narrengericht im Mühlenhaus

Unter dem Vorsitz des Narren-Richters Norbert Zellerhoff und seines Assistenten Hans-Jürgen Gartzke wurden die Prominenten diverser "Vergehen" angeklagt, sie sich schließlich als haltlos erwiesen und zum Frei(bier)spruch und damit zum Würdenträger eines Ehrensenators führten. Die Angeklagten kamen nicht zuletzt aufgrund der schlagfertig-witzigen Entlassungsreden des Verteidigers Willy Eichel so glimpflich davon, und auch der brillante Vortrag des medizinischen Sachverständigen Obermedizinaldir. Dr. Helmut Schulz-Kallenbach, seines Zeichens Leiter des Hammer Gesundheitsamtes, wirkte sich strafmildernd aus. Als "erfolgloser" Staatsanwalt fungierte damals Wolbecks ehemaliger Amtsdirektor Dr. Bernward Löwenberg, der in einem rasanten wechselnden Wortgefecht mit dem Verteidiger Eichel für eine Bombenstimmung sorgte. Das alljährlich im Mühlenhaus stattfindende TENNENGERICHT bedeutete ein Maximum an kernigem westfälischen Humor und wurde schnell über Münsters Grenzen hinaus bekannt. Diese geniale Idee eines närrischen und öffentlichkeitswirksamen Prominentengerichts gab Willy Eichel als Ideenträger später an die Karnevals-Kollegen der BÖSEN GEISTER weiter, in dem er ihnen empfahl, quasi als "geistiger" Vater, als vereinsspezifischen Gag eine Art Ehrengeister-Taufe einzurichten, die daraufhin zum erfolgreichen Spezifikum dieser Gesellschaft wurde. Aber zurück zum Mühlenhaus-Tennengericht. Keine Frage war es, daß selbst Theo Breider, der stadtbekannte Baumeister des Mühlenhofes am Aasee, Ehrensenator der Narrengarde wurde und in Anerkennung dieser besonderen Ehre sein Haus den Paohlbürgern zur Abhaltung des Narrengerichts "nach altem Brauch" (vgl. Urkunde Theo Breider vom 12. Januar 1969) zur Verfügung stellte und damit dem karnevalistischen Schau-Prozeß einen würdigen Rahmen verlieh. Interessant zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, daß gleich in der ersten Session des neu ins Leben gerufenen Ehrensenats eine Frau, und zwar die Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, Frau Else Weeks, als erste Dame des Vereins spontan diese Ehrung annahm. Frau Weeks hatte schon einige Zeit zuvor bei zahlreichen karitativen Aktionen und Veranstaltungen der Paohlbürger mitgewirkt und zählte mit Frau Kohl, Dr. Margit Lass und dem Musical-Star Tatjana Iwanow bis auf den heutigen Tag zu den einzigen Damen im Ehrensenat. Erster Präsident der Ehrensenatoren war der Baustoffgroßhändler Max Klippel, der schon in der Jubiläumssession 1965 elf Ehrensenatoren und der Ehrensenatorin Frau Else Weeks "vorstand". Neben der einzigen Dame sei an dieser Stelle an die Namen der ersten elf "ehrwürdigen" Männer erinnert, und zwar in alphabetischer Reihenfolge: Direktor Herbert Albert, Landesrat Heinrich Altstedde, Fordhaupthändler Paul Bröskamp, Fabrikant Berthold Bonk, Reviersteiger Anton Bache, Direktor Helmut Bierkamp, Verkehrsdirektor Theo Breider, Baustoffgroßhändler Max Klippel, Möbelhändler Josef Lange, Bergwerksdirektor Dr. Wilhelm Maefert und Prokurist Hans Schweifer (siehe Bild-Montage).

Als erster Prominenter von politischem Rang wurde 1968 der nordrhein-westfälische Arbeits- und Sozialminister Werner Figgen in die EHREN-Runde der Paohlbürger aufgenommen. Mitglieder der Narrengarde hatten sich traditionellerweise in den Kostümen der münsterischen Originale KIEPENKERL, LANDOIS, BOMBERG usw. um das Herdfeuer im Mühlenhaus versammelt und nach einigen obligatorischen "Kurzen" und einer tüchtigen Portion Töttchen trat das "Hohe Narrengericht" in Person von Willy Eichel, Erwin Königsmann, Hans-Jürgen Gartzke und Hubert Conen zusammen. Mit einem Strick um den Hals wurde der Hauptangeklagte vorgeführt, dem vom Staatsanwalt vor allem vorgeworfen wurde, er habe sich nicht genug für die völlige Abschaffung der Arbeit in Nordrhein-Westfalen eingesetzt. Doch schließlich konnte der Verteidiger Willy Eichel das Gericht mit einem glänzenden Plädoyer auf seine Seite ziehen und Minister Figgen - neben Freibierverpflichtung natürlich - den Narrentitel "Werner von Westfalen" verleihen. Mit Minister Figgen war praktisch der Grundstein gelegt für das immer populärer werdende TENNENGERICHT, das Jahr für Jahr mit großen Namen aus Wirtschaft und Politik über Münsters Grenzen hinaus für Schlagzeilen sorgt.

PAOHLBÜRGER einmal anders - von der Bütt in den Pütt

Gala-Prunksitzung, Senatorentaufe und Tennengericht sind die Glanzlichter und gleichsam Höhepunkte des Paohlbürger-Lebens in der "fünften Jahreszeit". Doch auch außerhalb dieses komprimierten karnevalistischen Treibens blieben die Paohlbürger außerordentlich aktiv und boten und bieten noch heute ihren Mitgliedern und Freunden interessante und gemeinschaftsfördernde Veranstaltungen übers ganze Jahr hinweg an. Da gibt es z. B. die traditionellen Mai-Ausflüge, Besuche bei befreundeten Karnevalsgesellschaften in Köln, Mainz oder Bingen, Preiskegeln um Königswürden und natürlich gesellige Festivitäten für die Familienangehörigen der Paohlbürger, die in der närrischen "Hoch-Zeit schon mal zu kurz kommen. Stellvertretend für diese Veranstaltungen aus dieser Zeit sei die vergnügliche Pütt-Fahrt der Paohlbürger im Jahre 1965 beschrieben, ein Beispiel einer gelungenen außerkarnevalistischen Aktion.

"Wer nie die schwarze Nacht geseh’n, der kann den Bergmann nicht versteh’n", diesem Gedanken folgend, nahmen die Paohlbürger im Herbst die Einladung des Bergwerkdirektors Wilhelm Maefert und des Assessors Siebert, zweier Ehrensenatoren der Gesellschaft, an und besuchten im Herbst 1965 die Zeche SACHSEN IN Hessen bei Hamm (Kreis Beckum). Unter dem Motto "Von der Bütt in den Pütt" organisierte Werner Jacobs diese Reise, die schließlich bei strahlendem Sonnenschein und natürlich mit allerbester Laune ausgerüstet stattfand. Bei der Ankunft wurde manch strammer Karnevalist, der noch während der Busfahrt große Töne geschwungen hatte betreffs "Einfahrt" und Kohle, beim Anblick der schwarzen Gestalten und der hohen Fördertürme ein wenig mulmig ums Herz. Erklärungen wie, so etwas habe man schon gesehen, oder der Hausarzt habe einem solche Anstrengungen verboten, waren schnell bei der Hand. Doch die meisten ließen sich nicht von den Fördertürmen und der sicheren Aussicht auf schwarze Haut und gebeugte Rücken in der Kriechstrecke unter Tage entmutigen. In einer Tiefe von 1500 Metern bewiesen Münsters Karnevalisten, daß sie keine Angst vor der Dunkelheit haben, wurden die Gesichter und Anzüge auch schwarz und schwärzer. Nach gut zweieinhalb Stunden schweren Marsches unter Tage fuhr man schließlich erlebnisschwer wieder zu Tage.

Später, nachdem man sich in der Kaue frisch gewaschen hatte, wurde der Wagemut der Paohlbürger mit einem deftigen westfälischen Essen belohnt. Es gab Kartoffelpfannkuchen, Schwarzbrot, Bier und Korn. Bergwerksdirektor Maefert bescheinigte den anwesenden Narren, daß die langjährige Verbundenheit der Zeche Sachsen mit den Karnevalisten aus Münster wohl in keinster Weise besser ausgerückt werden konnte und erntete damit bestätigenden Beifall. Als besonderes Dankeschön an die "Sachsen" überreichte hiernach der münstersche Direktor der Vereinigung Münster-Münsterland, Theo Breider, seines Zeichens ebenfalls Ehrensenator der Paohlbürger, eine Urkunde des Mühlenhauses sowie den Kiepenkerl der Stadt Münster mit persönlicher Widmung. Vergnüglicher Abschluß dieses Pütt-Ausfluges bildete dann noch ein Preiskegeln der Zeche SACHSEN gegen die PAOHLBÜRGER im Jagdhaus Davert in Münster; die Zechendirektion hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst mit nach Münster zu fahren und den freundschaftlichen Kontakt mit der Narrengarde mit einer zünftigen Nach(t)-Feier zu besiegeln. Paohlbürger und Büttkanone Norbert Zellerhoff verfasste hierauf als Loblied auf diesen eindrucksvollen Besuch auf der Zeche SACHSEN nachfolgenden Aufsatz in der ihm eigenen herzerfrischenden westfälischen Reimform:

(Text: Besuch auf Zeche Sachsen)

 

"Rein sei das Bier, erlesen der Wein" - Binger Freunde

Zu einer weiteren Attraktion außerhalb der heißen Karnevalsphase zählen die bis heute stattfindenden Besuche bei den Freunden und Gesinnungsbrüdern in Bingen. Seit Anfang der siebziger Jahre fahren Mitglieder der Narrengarde Jahr für Jahr im Herbst, oder besser gesagt zur Zeit der Weinlese, am Rhein entlang nach Bingen, der Weinstadt Deutschlands, der man den größten Rebensaft-Umsatz nachsagt. Ungezählte Stunden ausgelassenen Frohsinns und weinseliger Gemütlichkeit gehen auf das Konto der Binger Karnevalsfreunde, der SCHWARZEN ELF. Als Ein- oder Zwei-Tagesfahrt organisiert, als Senatsausflug deklariert, mal mit Damen, mal ohne, die Bingen-Fahrten waren und sind immer noch ein freudig erwarteter und erlebnisreicher Programmpunkt am Ende einer jeden Session. Und Willy Eichel wäre nicht der Vörnste Baas der Gesellschaft, hätte er nicht schon frühzeitig einen besonderen Anknüpfungspunkt mit der Wein-Stadt am Rhein entwickelt. Gab es doch einen Winzer in Bingen namens Heinrich Grünewald, in dessen Weinfass-Spiegel prominente Persönlichkeiten namentlich verewigt worden sind; und so gab es dann, wen wundert’s, schon bald einen Paohlbürger-Wein, samt Weinfass und vereinseigenem Fassspiegel. Weinexperte "Heinerisch", der Besitzer des Weingutes HILDEGARDISHOF mit dem besagten Prominentenwein, wurde natürlich im Gegenzug bei nächster Gelegenheit zum Senator der Paohlbürger ernannt. Jahr für Jahr wurden nun nicht nur die karnevalistischen Freunde in Bingen besucht, sondern darüber hinaus, d.h. in der Hauptsache, "Besichtigungen" des Weingutes durchgeführt. Während dieser Wein-"Seminare" wird dann versucht, aus westfälischen Bier- und Schnapskonsumenten mehr oder weniger edle Weintrinker zu formieren. HILDEGARDISHOF-Chef kredenzt dann den erlesenen Paohlbürger-Wein aus dem aus schönem Holz geschnitzten und reichlich verzierten Weinfass. Den Entwurf des Fassdeckels fertigte Paohlbürger-Designer Reinhold Bogatzki mit einem von Willy Eichel kreierten Spruch, der heute die Thekenwand des Paohlbürgerhofes schmückt: "Rein sei das Bier / Erlesen der Wein / Das Bier aus Westfalen / der Wein nur vom Rhein / Beides bringt Freude auf seine Art / Drum Münster und Bingen in Freundschaft sich paart". Weingutbesitzer Grünewald hatte dem Weinfass der münsterischen Narren auch einen würdigen Platz zugewiesen - so steht es direkt neben dem Fass der Sorte KANZLERWEIN, auf dem die Köpfe aller bisherigen Bundeskanzler eingeschnitzt zu sehen sind. Offiziell eingeweiht wurde das Paohlbürger-Weinfaß samt Spiegel im September 1979, passend zum 25-jährigen Vereinsjubiläum der Narrengarde. Der Paohlbürger-Ehrensenator und Bürgermeister Münsters, Franz Reuter, war sogar bei diesem Ereignis mit von der Partie, um der Weinfass-Einweihung und karnevalistischen Städtepartnerschaft einen amtlich würdevollen Rahmen zu geben. Natürlich durften die münsterischen Originale KIEPENKERL, TOLLER BOMBERG, LANDOIS und FELIX MARIE nicht fehlen, die als bodenständige Vertreter münsterischer Trinksitten westfälischen "Landwein" an die rheinischen Freunde ausschenkten und nach Insider-Berichten letztlich doch mehr beim vertrauten Bier zulangten. Besuche und Gegenbesuche wechselten sich in den Jahren ab, und ein regelmäßiger Austausch närrischer Spitzenkräfte der beiden Karnevalsgesellschaften wurde gepflegt. Als im Frühjahr 1979 die große Jubiläums-, Prunk- und Fremdensitzung der Paohlbürger ins Haus stand, hatten die aktiven Büttredner, Sänger und Musikgruppen der münsterischen Narrengarde ihr Festprogramm mit großem Erfolg in Form einer Generalprobe bei der KG SCHWARZE ELF in Bingen getestet. In der voll besetzten Stadthalle in Bingen spulten die Paohlbürger ihre närrischen Darbietungen ab und rissen die karnevalsverwöhnten Rheinländer zu Begeisterungsstürmen hin. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang das Mundharmonika-Trio HARRYSON & CO, welches durch Exaktheit und virtuoses Können das Publikum zu begeistern verstand und nicht ohne zwei Zugaben von der Bühne durfte. Nach langen Jahren Pause traten die beiden Büttredner Hans-Jürgen Gartzke und Willy Eichel als "Vater und Sohn" wieder auf und starteten wahre Angriffe auf die Lachmuskulatur. Nach diesem gelungenen Test-Durchlauf in Bingen konnten die Paohlbürger gut gerüstet und zuversichtlich in ihre Jubel-Sitzungen einsteigen, die obendrein noch durch einige hervorragende Beiträge der Binger KG SCHWARZE ELF mit rheinischem Flair und Frohsinn bereichert wurden.

Der närrische Sturm auf den Luftgau

Zurück zum karnevalistischen Treiben der Narrengarde. Die großen Karnevals-Festivitäten der Paohlbürger wie Tennengericht, Prunksitzungen und Senatorentaufe sind schon genannt und in ihren Anfängen beschrieben worden. Eine Nummer kleiner, aber nicht minder attraktiv und populär sind daneben z. B. der Freibier-Brunnen am 11.11., der karnevalistische Hausfrauenabend, der Kinderkarneval-Nachmittag oder das närrische "Abschießen" und Fischessen am Ende einer jeden Session. Eine Paohlbürger-Aktion, die mitten in der heißen Phase der "fünften Jahreszeit" liegt, verdient als genialer Narrenstreich und mitreißendes Spektakel noch besondere Beachtung, der Paohlbürger-Sturm auf den Luftgau. Vergleichbar ist diese Narren-Offensive mit dem Rathaus-Angriff des münsterischen Prinzen Karneval am Rosenmontag und der Übernahme der Stadtgewalt für die drei närrischen tollen Tage bis Aschermittwoch. Am Samstag zuvor, einen Tag vor dem alljährlichen Putschversuch des städtischen Karnevalsprinzen, erkämpfen sich die Paohlbürger die närrische Herrschaft über das Luftwaffen-Kommando an der Manfred-von-Richthofen-Straße.

Ausgeheckt hatten diese geniale "Kriegslist" der Vörnste Baas Willy Eichel, Vicepräsident im Ehrensenat Hans Schweifer,und der Ehrensenatspräsident Max Klippel schon Anfang der siebziger Jahre. Nach eingehenden "kriegstechnischen" Planungsgesprächen des Paohlbürger-Vorstandes mit den Verantwortlichen des I. Korps konnte der närrische Sturm auf den Luftgau (korrekt: Luftwaffenunterstützungsgruppe Nord) am 3. März 1973 in Angriff genommen werden. Mit trinkfestem Überfallskommando, Konfetti-Kanone, Tanzmariechen und Spielmannszug ausgerüstet, machte man sich auf den (Um)Weg, nicht ohne sich bei gelegentlichen kneipenmäßigen Zwischenhalten gegenseitig Mut "einzuflößen". Schließlich bezog die Narrengarde siegessicher Stellung vor dem Luftgau-Portal; doch das Luftwaffenkommando war nicht ganz unvorbereitet, hatte doch der Präsident der Offiziersheimgesellschaft, Oberstleutnant i.G. Alfred Kreutz zuvor einen "Närrischen Einsatzbefehl" (Nr. 1,030373/11-11, Bezugsdokumente-über-Flüssig) zur besseren Abwehr der Karnevalisten herausgegeben. Wer von den Anwohnern nicht wußte, was sich am Karnevalssamstag um 11.11 Uhr in der Manfred-von-Richthofen-Straße ereignen würde, den zog es dann mit Urgewalt an die Fenster und vor die Haustüren; Maschinengewehrgeknatter, Pistolengeknall, Kanonengrollen und zischende Leuchtkugeln verkündeten, daß die Paohlbürger wildentschlossen zum Sturm angesetzt hatten. Empfangen wurden die Aggressoren mit einer grünen Leuchtkugel, dem Signal für den konventionellen Gegenschlag; sodann segelten Dutzende von Papierpfeilen auf die Angreifer hinab, und aus allen "Schießscharten" des Luftwaffenkommandos verschossen die uniformierten Insassen exakt präparierte Pulverplättchen. Doch als die von den Paohlbürger ambulant mitgeführte Konfettikanone in Aktion gesetzt wurde und trommelfellstrapazierende Geräusche produzierte, erlahmte Generalmajor Josef Rembergs Wille zum Widerstand, und unter dem Beifall der gut gelaunten Augenzeugen überreichte er dem "Befehlshaber" der Karnevalisten den von der Fa.Pebüso - H.Büscher und der Luftwaffenhauptdepotgruppe 2 in Wunstorf meisterhaft erstellten, die Form eines Starfighters aufweisenden überdimensionalen Schlüssel als "Sesam" zur Luftwaffe. Nach diesem unblutigen Handstreich versammelten sich zur zündenden Musik des Luftwaffenmusikkorps 3 unter der Leitung von Oberstleutnant Ottomar Fabry Paohlbürger, Soldaten und Angehörige zum letzten Gefecht friedlich vereint in den Räumen des Offiziersheimes. Die "Altstars" der Paohlbürger, Ferdi Zellerhoff, Siegfried Schäpers, Heinz Eissing, Eddy Bötsch und das bekannte Eichelmann-Trio, um nur einige zu nennen, brachten zudem karnevalistische Stimmung in den "Laden".Nicht vergessen werden sollte aber das Luftwaffenmusikkorps III unter Leitung von Oberstleutnant Ottomar Fabry. Mit der Verleihung von Paohlbürger-Orden und dem Verzehr  der obligatorischen Erbsensuppe ging die Erstürmung des Kommandogebäudes ihrem offiziellen Ende entgegen, während besonders kampferprobte Narren sich noch im Kasino bis in die frühen Morgenstunden gewissenhaft der Vernichtung von "Feind" Alkohol widmeten.

Extrablatt und Besonderheiten

Sämtliche Aktionen sowie närrischen und "profanen" Darbietungen der Narrengarde in diesen Jahren aufzählen zu wollen, hieße Eulen nach Athen tragen. Ob in der "fünften Jahreszeit" oder in karnevalsfreien "Restmonaten", die Jecken der elften münsterischen Karnevalsgesellschaft hatten immer ein volles Programm und verstanden es blendend, durch immer neue und öffentlichkeitswirksame Ideen und Veranstaltungen den Kreis der Aktiven und Freunde der Gesellschaft stetig zu vergrößern. Aus dem einstigen Narren-Twen wurde nach und nach eine angesehene, mitgliederstarke und für ihre Originalität und ihren traditionsverbundenen Ideenreichtum geschätzte Institution. Aus den karnevalistischen Kinderschuhen herausgewachsen, war es dann Mitte der siebziger Jahre soweit: die NARRENGARDE PAOHLBÜRGER konnte in der Session 74/75 auf 20 Jahre Vereinsgeschichte und -praxis zurückblicken und strebte eiligen Schrittes die Volljährigkeitsgrenze (nach damaliger Rechtsprechung) von 21 Jahren an. Der närrische Tatendrang der Paohlbürger eskalierte förmlich in diesen Jahren; die Jubiläumsfeierlichkeiten und außerordentlichen karnevalistischen Einlagen folgten Schlag auf Schlag, als wolle man sich, was Dynamik, Aktions- und Ideenpotential der vorangegangenen Jahre angeht, mit neuen Rekorden noch überbieten. Neben den Festivitäten um den 20. und 21. Geburtstag der Narrengarde ist hier in herausragender Weise die Stellung des Karnevalsprinzen 1975, Helmut Borowski aus den Reihen der Paohlbürger zu nennen, dessen Proklamation und Regentschaft mit neuartigen Impulsen viel frischen Wind in Münsters Karnevalstradition einbrachte. Des weiteren wurden die Paohlbürger in der Jubel-Session ’75 auf publizistische Art aktiv: sie geben eine bis heute dreimal jährlich erscheinende Hauszeitung heraus, die den vereinsbezogenen Titel "DE PAOLBÜÖRGER" trägt und in Wort und Bild die Jecken übers Jahr begleitet. Erinnert sei zudem an die spektakulären Ereignisse im Wonnemonat Mai des Jahres 1975, die den Senioren und Tanzbegeisterten Münsters erlebnisreiche Stunden bescherten. Doch davon erst an späterer Stelle mehr.

"Man müßte immer 20 sein!" - unter diesem Motto startete die Narrengarde in die Jubiläums-Session 74/75, traditionellerweise natürlich am 11. im 11. um 11.11 Uhr. Mit einem "Sonderbierbus" fuhr man durch die Stadt, um auf diese Weise der münsterischen Bevölkerung den Karneval und insbesondere das Vereinsgeschehen näher zu bringen. Ehrensenatoren und Vorstandsmitglieder der Paohlbürger sowie die vier Original TOLLER BOMBERG, PROFESSOR LANDOIS, KIEPENKERL und Schutzmann FELIX MARIE waren mit von der Partie und gaben Informationen zum aktiven und vielfältigen Gesellschaftsleben an interessierte Bürger weiter. Eigens für dieses Jubel-Jahr hatten die Paohlbürger Hans Schweifer, Willy Eichel und Willy Schmidt ein zeitungsgroßes Extrablatt zusammengestellt, das als eine Art von Zusammenschau von Presseartikeln 20 Jahre Paohlbürger-Karneval von den Gründungs-Vätern bis zur damaligen Geburtstags-Session aufzeigte. Der besondere Clou in diesem närrischen Jahr war ein duftender Seifen-Orden am Band, versehen mit dem sinnigen Spruch "Für einen sauberen münsterischen Karneval". Dieser zweideutige, seifige Appell für einen sauberen Karneval kam nicht von ungefähr, hatte doch gerade in der vorangegangenen Session ein Büttredner mit Geschmacklosigkeiten und Zoten während einer Karnevals-Sitzung in der Halle Münsterland für Zündstoff und einigen Wirbel nicht nur in Münsters Karnevalsszene gesorgt.

Prinzenproklamation im Rathaus-Innenhof

Neben dem praktisch verwendbaren "duften" Paohlbürger-Sessionsorden gab es dann noch eine lesenswerte Festschrift zum 20-jährigen Bestehen der Gesellschaft. Aus gegebenem Anlaß beauftragte der Bürgerausschuß zur Förderung des münsterischen Karnevals in diesem Jahr die Narrengarde mit der Ausrichtung der am 11. Januar um 11.11 Uhr stattfindenden Proklamation des Prinzen Karneval. Erstmals wurde damit die Ernennung des Karnevalsprinzen in die Hände einer Karnevalsgesellschaft gelegt, quasi als Geburtstagsgeschenk an die 20jährige Narrengarde. Und die Paohlbürger wären nicht die Paohlbürger, wenn sie nicht gleich wieder mit einer neuen originellen Idee am Start gewesen wären; als Novum wurde in dieser Session die Inthronisation des Karnevalsprinzen inmitten des närrischen Volkes vollzogen und nicht mehr wie bis dahin mit feierlichen Mienen und abgeschlossen in "Heiligen Hallen". Zu diesem Zweck kamen die einzelnen Karnevalsgesellschaften in Sternmarsch zum Rathaus-Innenhof, als dem öffentlichen Regierungssitz des Stadtprinzen, wo schon einige Zeit vor Beginn der Proklamation den Schaulustigen und Karnevalsaktiven an mehreren Ständen erst einmal Freibier, Freischnaps und Freisekt kredenzt wurde. Nach der feuchtfröhlichen Einstimmung lief die feierliche Ernennung zum närrischen Monarchen auf Zeit wunschgemäß und vor allen Dingen "volksnah" ab. Musikalisch umrahmt wurde diese Feierlichkeit von der Big-Band des Luftwaffenmusikkorps - diesmal nicht im Bundeswehrlook, sondern in Kiepenkerl-Kitteln - unter der Leitung von Oberstleutnant Ottomar Fabry. Als illustre Zaungäste waren selbstverständlich KIEPENKERL, LANDOIS, BOMBERG, und FELIX MARIE dabei, und mit hinreißenden Tanzeinlagen sorgten die karnevalistische Stadtwache und das Husarenkorps Nr. 1 für das gewohnte Karnevals-Flair.

Herausragender Punkt in der Jubiläums-Veranstaltungsreihe dürfte dann die große Prunk- und Fremdensitzung am 1. Februar 1975 in der Halle Münsterland unter der Leitung des damaligen Regierungspräsidenten Dr. Egbert Möcklinghoff gewesen sein. In Sachen Karneval nicht unerfahren assistierten ihm Dr. Albrecht Beckel und Alo Everding, die für heitere Zwischentexte sorgten. Neben altbewährten Büttrednern und Sängern aus den eigenen Reihen (wie z. B. Norbert Zellerhoff, Willy Eichel, Walter Arntz, Werner Jacobs, Herbert Brüggemann, Hans-Jürgen Gartzke, Ferdi Zellerhoff, Siegfried Schäpers, Gerd Bröker, Karl-Heinz Stegemann usw.) unterhielten u.a. das Stadtfanfarenkorps und das karnevalistische Tanzkorps der KG SCHLOSS-GEISTER die gutgelaunten Gäste. Ohne die Leistungen der Akteure insgesamt schmälern zu wollen, so stellte die Presse seinerzeit eine Darbietung besonders heraus - demnach war die Büttschau des Obermedizinaldirektors Dr. Helmut Schulz-Kaltenbach das Salz in der Suppe der Jubiläums-Show in der vollbesetzten Halle Münsterland. Besonders viel Applaus gab es auch für EUGENIE, Europas jüngstes Tanzmariechen aus Holland, und das Tanzkorps der Roten Funken Köln von 1823. Die 200 Mann und eine Frau starken Rot-Weißen aus der rheinischen Narren-Metropole waren die besonderen Gäste der abendlichen Festveranstaltung und hatten zuvor schon am Nachmittag optisch spektakulär Münsters Rathaus "erobert". Prinzen-Proklamation und Gala-Prunksitzung sind sozusagen die großen Eckpfeiler des Jubiläums-Programmes neben zahlreichen anderen närrischen Aktionen und Darbietungen der Narrengarde gewesen. Wie das bunte Treiben in dieser kurzen aber komprimierten Karnevals-Session mit all seinen Höhen und Tiefen ausgesehen hat, kann dem rechts ausführlichen MZ-Artikel vom 15. Februar 1975 entnommen werden, der mit treffend kritischen und lobenden Anmerkungen die närrische Zeit noch einmal Revue passieren läßt.

Paohlbürger - Aktionen im Mai ’75

Die James-Last-Story

Im gleichen Jahr, nur ein paar Monate später, genauer gesagt im Wonnemonat Mai, lieferten die Paohlbürger gleich in dreifacher Hinsicht erneute Höchstleistungen. Der berühmte Bandleader JAMES LAST konnte für eine Tanzveranstaltung gewonnen werden, der erste große Seniorennachmittag in der Halle Münsterland war mit großem Erfolg angelaufen, und dies alles und noch vieles mehr wurde schließlich in der ersten eigenen Hauszeitung der Paohlbürger (Mai-Heft 1975), die von nun an dreimal pro Jahr erscheinen wird, veröffentlicht. Aber zunächst zu JAMES LAST. Gleich zu Beginn des besagten Wonnemonates gab es ein besonderes Ereignis, das zu der Zeit für einiges Aufsehen sorgte: die Paohlbürger veranstalteten den traditionellen TANZ IN DEN MAI mit keinem geringeren als dem aus Funk und Fernsehen bekannten JAMES LAST: Als Zugpferd des Abends hatte die Narrengarde den Partykönig und seine Mannen in die Halle Münsterland holen können, um wieder einmal auch außerhalb der professionellen Narren-Zeit für einen Knüller zu sorgen. Musikalisch umrahmt von der Old Merrytale Jazzband dirigierte "Käpten" James mit der bekannten Lässigkeit seine Band und brachte mit den beliebten Melodien und Ohrwürmern das Publikum auf der Tanzfläche zum Toben. Der Hauszeitungs-Bericht von Willy Eichel gibt von den langwierigen Verhandlungen im Vorfeld und der spektakulären James Last-Tanzparty ein lebendiges Stimmungsbild (vgl. Heft 2(September 1975).

Karneval im Klarastift

Wie schon in den vorangegangenen Kapiteln angeklungen, beschränkt sich der Aktionsradius der Narrengarde nicht nur auf karnevalistische Veranstaltungen und Aktionen. Das zweite Standbein, gleichberechtigt neben der Pflege von Karnevalstradition und Brauchtum, ist zugleich auch immer das soziale Engagement. Wir erinnern uns an die spontanen Hilfs-Einsätze für das Deutsche Rote Kreuz oder z. B. an die jahrzehntelangen, aufopfernden Stunden in den Mütter-Erholungsheimen in Münster-Wolbeck und Bad Salzuflen. Das Angebot, anderen Menschen Freude zu machen, und das nicht nur zur Karnevalszeit, hat schon frühzeitig zum festen Bestandteil des Paohlbürger-Lebens gehört. Dabei war und ist es bis heute ein besonderes Anliegend der Gesellschaft, insbesondere den älteren Bürgern der Stadt Münster ein wenig Unterhaltung und Abwechslung zu bringen. Dieser ausgeprägte Bezug zur Senioren-Generation, diese entscheidende Parteinahme für den alten Menschen ist nicht zuletzt auf die Liebe und Verbundenheit Willy Eichel`s zu seiner Mutter zurückzuführen, die mit viel Geschick und Umsicht den Gasthof EICHEL führte und leider viel zu früh verstarb. Erinnerung und Pflege des elterlichen Erbes führten auch in diesem Punkt dazu, schon als junge Karnevalsgesellschaft den Kontakt zu den älteren Menschen zu suchen, und aus sozialer Mitverantwortung und dem Gefühl des Dankes heraus ihnen ein paar frohe Stunden zu bereiten. Angefangen hatte die "Seniorenarbeit" (würde man heute im Soziologen-Deutsch sagen) mit karnevalistischen Besuchen im städtischen Altenheim KLARASTIFT an der Andreas-Hofer-Straße. Im Frühjahr, meistens im Februar, mitten in der "fünften Jahreszeit", verbrachten die Paohlbürger dann einen Nachmittag bei den Bewohnern der KLARASTIFTUNG, die ihnen Jahr für Jahr einen herzlichen Empfang im bunt geschmückten Festsaal bereiten. Vor etwa 100 Heimbewohnern, einem großen Teil des Pflegepersonals aber auch bei zahlreichen pflegebedürftigen Senioren über Kopfhörer im Bett, tragen die Paohlbürger ihr närrisches Programm vor. Vertraute Schlager fordern dann zum Schunkeln auf, und neben "tränenreichen" Büttvorträgen treten zudem noch der Prinz Karneval oder anderweitige Honoratioren des münsterischen Karnevals auf, mit Grußbotschaften und stimmungsvollen Einlagen. Nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich die beliebten Auftritten von KIEPENKERL (Herbert Brüggemann) und LANDOIS (Heinrich Gremm), die mit ihren heiteren Alltagsbetrachtungen und Lebensweisheiten in plattdeutscher Sprache gerade bei den älteren Menschen verstanden und begeistert aufgenommen werden. Dann richteten die Paohlbürger die erfolgreichste außerkarnevalistische Veranstaltung ein, die zum Inbegriff des sozialen Engagements der Gesellschaft werden sollte: der Altennachmittag im Monat Mai. Ehrensenatspräsident Hans Schweifer, der angehende Ehrensenator Oberstleutnant Ottomar Fabry sowie der Vörnste Baas der Gesellschaft, Willy Eichel, hatten die geniale Idee, einen Seniorentag in Form eines bunten Nachmittags im großen Stil aufzuziehen. Der besondere Clou bei dieser Angelegenheit aber war, daß eine Karnevalsgesellschaft ein derartiges Projekt außerhalb der Karnevalssession startete. Nach langen mühseligen Verhandlungen mit den münsterischen Behörden und zeitintensiven Vorbereitungstreffen des Vorstandes und der Akteure des Vereins war es dann im Wonnemonat Mai des Jahres 1975 soweit. Unter der Schirmherrschaft des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Werner Pierchalla und dem kostenlosen Einsatz des Luftwaffenmusikkorps 3 unter Oberstleutnant Ottomar Fabry konnte der erste Altennachmittag starten. Das offizielle Motto dieser musikalischen Großveranstaltung lautete: "An einem Tag im Mai". Aber das alles wäre ohne die vielen Spenden nicht möglich gewesen. An dieser Stelle geht der besondere Dank an den Vertreter der Sparkasse Münsters, Ehrensenator Ferdy Schade, an den Oberbürgermeister Dr. Werner Pierchalla, den Bankdirektor Klaus-Dietrich Nacken sowie den damaligen Landesdirektor Walter Hoffmann. Für die Einladungen und damit für ein entsprechendes Publikum sorgte das Büro Pebüso Betonwerke Heribert Büscher, welches die Altenheime, Senioren-Clubs und anderweitigen sozialen Einrichtungen Münsters angeschrieben hatte und schließlich von der unerwartet großen Resonanz förmlich erschlagen wurde. Zu späteren Zeiten wurde die Arbeit von unserem Narrensekretär Harry Schild und seiner Kollegin Hildegard Pusch  gemacht. Mit mehreren Bussen wurden an besagtem Maitag gehbehinderte Betagte abgeholt und später wieder nach Hause gebracht. Weit über 100 Tische mußten zuvor gedeckt und mit Kaffee und Kuchen versehen werden, die freilich auch gespendet worden sind. Vor über tausend alten Menschen brannte dann ein "Feuerwerk der guten Laune" (so ein Presse-Bericht) ab, mit altbekannten Schlagern, humorvoll-künstlerischen Einlagen und plattdeutschen Dönekes, die den Teilnehmern manche Freudenträne bescherte. Neben Willy Eichel,Norbert Zellerhoff und Harry Gooyer als Ansager und Begleiter durch den bunten Nachmittag sangen u.a. Alfred Schnitzler, Ferdi Zellerhoff, Siegfried Schäpers, Bärbel Laumen und Hans Leckel, Eduard Bötsch und Heinz Eissing. Kiepenkerl und Landois, dargestellt von Herbert Brüggemann und Werner Jacobs, gehörten zum familiären Charakter des Nachmittags. Der MONASTERIA-Chor unter der Leitung von Rainer Schaphorn begeisterte ebenso wie die Humoristen Norbert Zellerhoff, Willy Eichel, Heinrich Gremm und Winfried Ohlgart. Höhepunkt dieses Alten-Nachmittags war zweifellos ein Wunschkonzert, hatte doch jeder Gast auf seiner Einladung einen mit vielen Musik-Vorschlägen bedruckten Fragebogen bekommen und diesen in einem Fall ankreuzen können. Danach verlangten, wie die Auszählung ergab, 232 den Kaiserwalzer, 203 den Walzer "An der schönen blauen Donau" und 169 das "Potpourri von der Waterkant". Eine Überraschung war es zudem, daß die zehn ältesten Damen einen Blumenstrauß und die zehn männlichen Senioren eine Flasche "Original Paohlbürger-Dröpken) erhielten. Hier ist besonders den Paohlbürgern Harry Gooyer Blumen,Heinrich Grünewald Weingutbesitzer und Heinrich Lohmann Fa. Leckerland zu danken . Den beiden Ältesten wurde zudem je ein handgeschnitzter Holzbecher mit Paohlbürger-Emblem geschenkt. Das begeisterte Echo seitens der Teilnehmer ließ diese großartig angenommene Veranstaltung, die zunächst ja nur als einmalige Aktion geplant war, in "Serie" gehen. Im jährlichen Turnus werden unter dem Motto "An einem Tag im Mai" bunte Nachmittage gestaltet, die ganz im Zeichen des Ehrensenats stehen und zum großen Teil aus Spenden von Freunden und Gönnern der Gesellschaft getragen werden. Als im Jubiläumsjahr 1979 (25 Jahre NARRENGARDE PAOHLBÜRGER) zum 5. Mal der Mai-Nachmittag in der Halle Münsterland veranstaltet wurde, gab es einen wahren Besucherrekord: statt der bislang bekannten Teilnehmerzahl von ca. 1.400 bis 1.600 Personen ließen sich in diesem Jahr 2.700 (!) Seniorinnen und Senioren von den Paohlbürger den Mai versüßen. Dieser großartige Einfall der Paohlbürger, Münsters Senioren ein paar schöne und unbeschwerte Stunden mit Kaffee und Kuchen und einem großen Wunschkonzert zu bescheren, wurde zu einer unvergleichlichen Institution. Und wenn es diesen Senioren-Nachmittag nicht gäbe, man müßte ihn erfinden, so stürmisch war und ist bis heute der Zuspruch der münsterischen Bürger.

(vgl. Mai-Tage im Paohlbürgerhof)

Die Paohlbürger-Hauszeitung

Vom ersten öffentlichen Auftritt der Paohlbürger an wurde vom Vorstand der Gesellschaft und speziell vom Vörnsten Baas Willy Eichel eine äußerst wirksame Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betrieben. Die Lokalredaktionen der münsterischen Zeitungen wurde rechtzeitig von anstehenden Darbietungen und Aktionen der Narrengarde informiert und auch gezielt als Werbefaktor und Multiplikator für attraktive und publikumsträchtige Ereignisse der Karnevalisten angesprochen. Vereinsintern gab es daneben schon frühzeitig Informations- und Rundschreiben für die vielen Vereinsmitglieder, um sie über die mannigfachen Aktions- und Einsatzfelder der närrischen Gesellschaft auf dem Laufenden zu halten. Zudem gab es - quasi als Zusammenfassung und Kompaktinformation - Jahresbände pro Session zum Paohlbürger-Vereinsleben. Im schon erwähnten Wonnemonat Mai des Jahres 1975 war es dann endlich soweit; der lange gehegte Wunsch nach einem regelmäßig erscheinenden Mitteilungsblatt für alle Paohlbürger-Narren war realisiert worden. "De Paolbüörger" lautete der Name der Hauszeitung, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Mitgliedern Aktuelles, Veranstaltungshinweise, Berichte und nicht nur karnevalistische Reportagen zu bieten. Als erste Karnevalsgesellschaft in Westfalen hatten die Paohlbürger nun eine Hauszeitung, die von nun an dreimal im Jahr erscheinen sollte. In gefälliger Form, mit Bildern versehen von den Mitgliedern Hans Rieck und Horst Mecke, ging es in der ersten Ausgabe verständlicherweise um eine Rückschau auf die Jubiläums-Session 1974/75, die den Paohlbürgern neben großen Erfolgen, prächtigen Ideen und schönen Erinnerungen auch eine eigene Hauszeitung brachte. Das DIN-A4-große Narren-Info ging auf die Initiative des Vörnsten Baas Willy Eichel, Hans Schweifer und Willy Schmidt zurück; und die Erscheinungsweise im ersten Jahr, jeweils im Monat Mai, September und Dezember, wurde bis heute beibehalten. Die redaktionelle Leitung dieser Zeitung liegt seit der Erstausgabe in den Händen von Willy Eichel, der dafür Sorge trägt, daß Berichte und Bildmaterial von erinnerungswerten Veranstaltungen, Fahrten und festlichen Angelegenheiten publizistisch einwandfrei und termingerecht zusammengestellt werden. Mit der Herausgabe einer vereinseigenen Zeitung waren auch gleich zwei Ziele gewährleistet: einmal wirkte sich das Narrenblatt fördernd auf den Zusammenhalt der immer größer werdenden Zahl der Mitglieder aus, und zum anderen konnte der Vorstand nun über dieses Medium und natürlich eine ansprechende Berichterstattung die Paohlbürger motivieren, sich für die verschiedenen Belange des Vereins einzusetzen und sich zu engagieren. Die Hauszeitung der Narrengarde ist in seiner Aufmachung von anderen Gesellschaften und Verbänden oft kopiert worden, jedoch nie über einen längeren Zeitraum hinweg von ernstzunehmender Konkurrenz "bedroht" gewesen; und dies liegt nicht zuletzt an der optisch-ansprechenden und ideenreichen Ausgestaltung der Vereinszeitung durch Redaktionschef Eichel. Inhaltlich wird eine Mischung geboten aus Presseartikeln, eigenen Berichten, mit Fotos von Hans Riek, Horst Mecke,Willy Eichel sowie Harry Schild und natürlich Werbeanzeigen befreundeter Firmen und Geschäftsleute, ohne deren Hilfe und finanziellen Beistand sicherlich die eine oder andere Aktion nicht so erfolgreich hätte realisiert werden können. Dank dieser publizistischen Spitzenleistung ist damit für jedes Mitglied der Gesellschaft das vielfältige Vereinsgeschehen im Laufe des Jahres chronologisch zurückverfolgbar, und am Ende des Jahres hat man schließlich ein erinnerungsschweres Nachschlagewerk zur Hand. Vom Tennengericht zur Gala-Sitzung, von der Bingen-Fahrt zum Senioren-Nachmittag im Mai, bis hin zu den aktuellen Mitgliederzahlen und Neuaufnahmen, alle großen und kleinen Unternehmungen und Begebenheiten der Narren finden hierin ihren Platz und dokumentieren Leben und Weg einer aktiven und erfolgreichen münsterschen Karnevalsgesellschaft.

Der Spieker - Das erste Vereinshaus der Narrengarde

Aus dem einstigen Narren-Twen war eine große, renommierte Gesellschaft geworden, die in der Session 75/76 ihren 20. und 21. Geburtstag feiern konnte und im närrischen Sinne und nach damaliger Rechtsprechung nun endlich "volljährig" war. Mit Erreichen dieses reifen Alters konnten die Paohlbürger an die Realisierung eines alten Wunsches gehen, nämlich ein eigenes Heim, eine Art Clubhaus zu finden und einzurichten. Willy Eichel, der aus beruflichen Gründen viel unterwegs war, hatte einmal während eines Aufenthalts in Köln ein vereinseigenes Karnevalshaus einer Kölner Karnevalsgesellschaft kennengelernt und war seit dieser Zeit eingenommen von der Idee, solch eine Einrichtung auch für Münster zu verwirklichen. Schon Anfang der siebziger Jahre machte sich Willy Eichel auf die Suche nach einem geeigneten Objekt für diesen närrischen Wunsch, ein Vereinshaus aufzubauen und darin ein Museum zur Karnevalsgeschichte unterzubringen. Seine Bemühungen in diese Richtung führten ihn zunächst zu dem Windmühlenstumpf an der Wolbecker Straße, kurz vor dem Stadtteil Münster-Wolbeck. Doch ähnlich wie bei dem nächsten Planungsziel, dem alten Backhaus in Hiltrup, scheiterte die Absicht an zu hohen Pacht- und Investitionskosten. Die Tuckesburg, Professor Landois’ ehemaliger Wohnsitz, der im Zusammenhang mit der Zoo-Verlegung zur Sentruper Höhe frei geworden war, und zuletzt der Stadthausturm an der Ecke von Prinzipalmarkt und Klemensstraße waren weitere anvisierte Objekte der Narrengarde; war die Stadt Münster auch bereit, diese traditionsreichen Stätten zur Verfügung zu stellen, so erwiesen sie sich letztlich doch als räumlich unbrauchbar. Dann schließlich brachte ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Paohlbürger, Hans Riek, einen Spieker in Altenroxel, in der unmittelbaren Nachbarschaft von Schloß Hohenfeld, ins Gespräch. Und dieser Plan sollte nun endlich Früchte tragen. Am Anfang war der spätere Spieker nichts anderes als ein altersgraues und ruinöses Gemäuer, das ehedem ein Getreidespeicher und dann ein Schuppen des Gärtners von Schloß Hohenfeld war. Der Eigentümer des Grundstücks hieß Josef Freiherr von Kerckerinck zur Borg und erklärte sich bereit, den Paohlbürgern diesen Torso auf längere Zeit und zu günstigen Pachtbedingungen zur Verfügung zu stellen. Doch die Zahl der Skeptiker war anfangs groß, konnte doch niemand so recht glauben, aus dieser Ruine jemals ein annehmbares Vereinshaus zu schaffen. Der Vorstand der Narrengarde war zunächst zerstritten darüber, angesichts dieser gewaltigen Arbeitsleistungen und einer ungesicherten Finanzlage; einige Mitglieder traten sogar aus dem Vorstand aus. Zu allem Unglück wurden die geplanten Renovierungsarbeiten auch noch gehemmt durch ein großes Unwetter in der Silvesternacht 75/75, als eine alte Buche vom Sturm gefällt auf den Spieker geworfen wurde und nichts als ein Trümmerhaufen zurückblieb.

Verhandlungs- und Aufbauphase

Nach vielen Verhandlungen und Besichtigungen stand jedoch fest, den Spieker, oder das, was von ihm übrig geblieben war, zu restaurieren und zu einem Vereinshaus und Karnevalsmuseum umzugestalten. Wenn man die leuchtend roten Außenmauer-Reste und die dicken Eichenbohlen des Fachwerks anschaute, dann konnte man sich schon in etwa vorstellen, wie es einmal aussehen sollte. Es gehörte halt noch viel Phantasie dazu und Energie und Tatendrang; und so wurde schließlich dieses Projekt von einigen beherzten Paohlbürgern in Angriff genommen. Einen gemütlichen Treffpunkt wollte man, mit Kamin, Butzenscheiben und Schmiedeeisen, alles schön rustikal, und auf dem ausgebauten Dachboden sollte das Karnvealsmuseum entstehen. Auf der Basis zugesagter Sach- und Geldspenden für die Spieker-Restaurierung konnten die Narren dann endlich loslegen und am 1. Mai 1976 den ersten offiziellen Spatenstich machen. Unter dem vereinseigenen Architekten Hermann Haase wurde der Spieker unter Beibehaltung seines alten, bäuerlichen Charakters wiedererrichtet. Offizielle Unterstützung seitens der Stadt und vom Land erhielten die Paohlbürger dabei durch den städtischen Baudirektor Karl Brinkmann, Regierungspräsident Dr. Egbert Möcklinghoff und durch Oberbürgermeister Dr. Werner Pierchalla. Das mehr "physisch" am Aufbau mitwirkende Paohlbürger-Volk schaffte unter der erfahrenen Bauleitung von Hermann Haase wie in einem Ameisenhaufen. Das Projekt "Ein Haus für die Paohlbürger" machte aus aktiven Karnevalisten Handwerker und aus Ehrensenatoren schaufelschwingende Bauarbeiter; und diese idealistische Vereinsmentalität wirkte sich auch förderlich auf die Geldgeber und Sponsoren aus, sahen sie doch, daß die Paohlbürger nicht nur verbal am Aufbau des Spiekers beteiligt waren, sondern selbst mit der Schüppe dabeistanden. Das Ergebnis aller: "ussen Spieker" nahm Formen an und konnte am 6. November in aller Öffentlichkeit "Rohbaufete" feiern. Was aussichtslos erschien, nahm nach und nach Gestalt an, und so brachte das Paohlbürger-Arbeitskommando für die Renovierungsarbeiten bereits 1.730 Arbeitsstunden auf - und dies alles in freiwilligen Samstagseinsätzen. Von den tatkräftigen "Machern" der Karnevalsgesellschaft seien an dieser Stelle einmal dankenswerter Weise an folgende Paohlbürger erinnert, die sich um den Spieker-Bau verdient gemacht haben: Wolfgang Heister, Werner Holz, Heinz Lennertz,Thomas Eichel, Winfried Selberg, Willy Schmidt, Horst Trell, Norbert Zellerhoff, Hermann Haase, W. Hoffmann, K.- D. Nacken, H. Schweifer, H. Gooyer, Georg Möhle,  K. Benning, J. Benning, W. Lutz, H. Brüggemann, Heribert Büscher und natürlich der Vörnste Baas Willy Eichel.

Die Wände des Spiekers wurden manuell gerichtet, da Baufirmen hierbei mit Maschinen nichts ausrichten konnten, neue Balken wurden eingezogen, und ein neuer Dachstuhl mußte gezimmert werden. Die geschätzten Kosten für den Umbau beliefen sich auf mindestens 350.000,00 DM, doch Spender fanden sich gottlob reichlich. Vom 200 Jahre alten Sandsteinkamin über originelle Dachpfannen, von den Installationen bis hin zu den Blendläden kamen Geld- und Sachspenden zusammen, zur Freude der Narrengarde. Architekt Hermann Haase, der beim Anblick der traurigen Mauerreste noch Anfang des Jahres auf eine Bauzeit bis Ende des Sommers 1977 geschätzt hatte, mußte sich durch Arbeitseifer, Hilfsbereitschaft und Einsatz der Paohlbürger korrigieren lassen. Am 6. November 1976 konnte dann nach den ersten Aufbauleistungen zünftig Richtfest gefeiert werden, Spieker-gemäß natürlich mit Speckpfannekuchen und Erbsensuppe, und selbstverständlich wurde der traditionelle Freibierbrunnen in diesem Jahr im neuen Spieker eröffnet. Mit Recht freute man sich über die immense Arbeitsleistung in eigener Regie; und man war sich darüber im klaren, daß die Paohlbürger mit der Renovierung des Spiekers nicht nur etwas für sich selbst getan hatten, sondern wohl auch für die Erhaltung eines für die münsterische, bäuerliche Vergangenheit typischen Gebäudes. Deshalb sollte, angefangen vom Garten bis zu den Butzenscheiben, alles original belassen werden, es sollte ein gemütliches und urwestfälisches Häuschen werden, doch bis dahin mußten noch einige Steine und Bretter "aus dem Weg" geräumt werden.

Fertigstellung und Einweihung

Gesagt, getan, die Paohlbürger läuteten die Hauptphase des Spieker-Aufbaues ein und griffen tatdurstig zu Schaufel und Spaten. Einige Monate Später, im Sommer des Jahres 1977, war sodann das Innere des neuen Clubhauses fast fertig; die Toilette und Küche gefliest, die Holzbohlen an Decke und Wand hatten den typischen dunklen Anstrich erhalten und das Fachwerk war geputzt und geweißt worden. Der Kamin als beherrschender Anziehungspunkt war in neuer Schönheit entstanden und trug den plattdeutschen Spruch: "Watt Paohlbürger mett flietige Hand feddig uppbaut nu kiekt int Land". Doch was der Kaminspruch schon vorwegnahm, mußte erst noch geleistet werden, wollte man doch zum 11.11. des Jahres alles fertig haben und die neue Session im Spieker starten. Und es klappte auch. Bis zu 750 Arbeitsstunden hatten einzelne Mitglieder beigesteuert, um das schmucke Vereinshäuschen nach eigener Planung termingerecht eröffnen zu können. Nach ungezählten schweißtreibenden Arbeitsstunden an Wochenenden und sogar an Urlaubstagen war es dann soweit: mit der offiziellen Einweihung am 11. November 1977 nahmen die Paohlbürger den Spieker bei Schloß Hohenfeld als ihr eigenes Vereinshaus in Besitz. Prominente Gäste, Ehrensenatoren und Abordnungen befreundeter Gesellschaften gaben sich bei dieser Gelegenheit ein Stelldichein. Doch bevor die obligatorischen Festreden erklangen, hielten die Narren noch eine besondere Überraschung für ihren Vörnsten Baas bereit. Der Ehrensenatspräsident, Landesdirektor Walter Hoffmann, bat die Gäste auf den Vorplatz, damit sie miterleben konnten, wie eine bisher namenlose Stiege von nun an "Eichels-Wilm-Stiär" heißen würde. Feierlich enthüllte man das vom Senat einstimmig beschlossene Straßenschild, um den Initiator und Begründer der Karnevalsgesellschaft, Willy Eichel, für seine unermüdliche Arbeit zum Wohle des Vereins zu danken. Gleichzeitig wurde er zum Ehrensenator und Ehrenbaas auf Lebenszeit ernannt .

Närrische Pracht und Spieker-Stühle

Ehrensenatspräsident Walter Hoffmann erinnerte in seiner Ansprache daran, daß der Spieker ein Wunschkind Willy Eichel`s gewesen sei und daß er (Hoffmann) nach vollzogenem "Zeugungsakt" am 1. Mai 1976 am Gelingen des Projektes zunächst Zweifel geäußert habe, doch der Vörnste Baas habe nur entgegnet: "Mein Gott, Walter, hoff man!". Das gelungene Werk sei letztlich allen Paohlbürgern zu verdanken, fuhr der Ehrensenatspräsident fort, und ein wenig mehr natürlich denen, die mit ihrer eigenen Hände Arbeit mitgeholfen hätten, den Bau zu vollenden. Und der damalige Regierungspräsident Dr. Egbert Möcklinghoff erklärte in seiner Funktion als Vertreter des Landes, daß man zu diesem Spieker gratulieren könne, zumal er dadurch noch besonderen Wert erhalte, daß er nicht durch Rufe nach öffentlichen Beihilfen sondern durch Eigeninitiative entstanden sei. Ein besonderer Narren-Streich bedeute es zudem, daß die Paohlbürger mit dem Grundstückseigentümer, Josef Freiherr von Kerckerinck zur Borg, einen 40 Jahre währenden Pachtvertrag abschließen konnten, mit der Maßgabe, jeweils am 11. im 11. die Pacht von 11,11 in Kupfer zu begleichen. Doch in diesem Jahr saß Willy Eichel mit seinen Karnevalisten offensichtlich in der Klemme, und so mußte er, wie er seinen Gästen erklärte, den im Urlaub befindlichen Freiherrn um Stundung bitten. Großzügig traf am Tag zuvor telegrafisch das Einverständnis ein, mit der Erwartung, daß im nachfolgenden Jahr 22,22 DM zuzüglich der aufgelaufenen Zinsen gezahlt werden. Derart abgesichert, fiel es Willy Eichel anschließend nicht schwer, einen selbstgedrehten Spieker-Tonfilm seinen Gästen vorzuführen, der den Aufbau des neuen Clubhauses in allen Stationen vom ersten Spatenstich bis zur Fertigstellung zeigte. Ein zentraler Satz in diesem bemerkenswerten Dokumentarfilm war "Wir wollen etwas Schaffen aus dem Willen heraus, etwas Schönes zu machen" - und das war den Paohlbürgern um Willy Eichel auch gewiss gelungen.

Durch rustikale Eichentüren hindurch gegangen, stand der Besucher in einem großen Saal zu ebener Erde, mit einem prächtigen Herdfeuer als Blickfang. Das Prunkstück von Kamin hatte sogar eine Räuchervorrichtung und war ein Geschenk des in der Nachbarschaft wohnenden Bauern Josef Israel; und somit war der Spieker, dank dieser 250 Jahre alten Herdstelle aus Baumberger Sandstein, ausgerüstet wie ein Hof in früheren Zeiten. Neben dem Kamin waren zwei gußeiserne Platten eingelassen, die das münsterische Rathaus nach einem Holzschnitt von Reinhold Bogatzki und das Wappen der Familie Kerckerinck zur Borg zeigten. Um diese gemütliche altwestfälische Feuerstelle herum sind besonders zu Winterzeit zahllose plattdeutsche "Kür-Abende" bei Mettendchen und Korn veranstaltet worden.

Von der schweren Eichenbalkendecke des Spiekers hing ein Wagenrad von zwei Metern Durchmesser und als Leuchter gearbeitet herab. Auch das Mobiliar war selbstverständlich passend zur gesamten Einrichtung rustikal gestaltet: an den Wänden ringsherum standen Sitzbänke aus Buchenholz, die mit Gobelinbezügen gestiftet von der Polsterei Kalli Mertens bespannt waren, und die besondere Wärme verlieh dem großen Raum ein rustikaler Wandputz. In die Mittelfelder hatten die beiden Heimatmaler Anton Tippkötter und Reinhold Bogatzki die Originale Münsters wieder auferstehen lassen. Die zahlreichen Stühle waren natürlich aus Eiche und mit einem Binsengeflecht hergestellt; und zudem war mit ihnen eine besondere Attraktion verbunden: die Stühle konnte gespendet werden und wurden sodann mit dem Namen des edlen Spenders versehen, den man in die oberste Leiste der Rückenlehne für alle sichtbar einbrannte. Diese geniale Idee stammt natürlich vom Vörnsten Baas Willy Eichel, der mit dieser originellen Aktion Geldspenden für den Spiekerausbau hereinholte und viele Mitglieder und Freunde von der Wichtigkeit eines eigenen Spieker-Stuhles überzeugen konnte. Als eine ähnliche Aufbau-Hilfe gestaltete sich der Verkauf eines Münz-Satzes (4 Exemplare) mit dem münsterischen Originalen und historischen Gebäuden als Motive, die mit Zertifikat und in limitierter Auflage zugunsten der Spieker-Renovierungskosten verkauft worden sind.

Ziehbrunnen und Muttergotteshäuschen

Als Erinnerung an die frühere Zweckbestimmung des Spiekers waren die verschiedenen bäuerlichen Geräte wie Sense, Holzrechen, Holzegge, Einbaumpflug u.a. ausgestellt, die als Geschenke von Freunden der Gesellschaft für westfälisch-bäuerliches Flair sorgten. An zwei Seiten des Innenraums waren die Fenster mit Unterglasmalerei gestaltet worden, die mit münsterischer Originalen versehen von der Tradition des Humors der Stadt Münster berichteten. In dem Saal fanden bis zu 100 Personen Platz, die von der perfekt auf erstaunlich kleinem Raum eingerichteten Küche samt Zapfanlage versorgt werden konnten. Und auch die Außenanlage um den Spieker herum wurde - dank des Einsatzes des vereinseigenen Gartenarchitekten Helmuth Karnstädt - geschmackvoll gestaltet. Zudem konnte Bauunternehmer Heinrich Moog gewonnen werden, eine unansehnliche Klärgrubenröhre direkt vor dem Spiekereingang durch eine Ummauerung als Ziehbrunnen in alter rustikaler Ausführung umzuwandeln. Auf Vorschlag des Vörnsten Baas kam bald auch ein Muttergotteshäuschen als neuer baulicher Akzent in die Nähe des Spiekers. Durch einen glücklichen Umstand konnte Willy Eichel hierfür einen 200 Jahre alten Sandsteinaltar, der von dem Dipl. Ing.des Landesstraßenauamtes Richard Ditzel gespendet wurde, sowie eine Holzmadonna erbetteln, gespendet von dem Mitglied W. Greiling und seiner Frau. Und mit Ziehbrunnen und Marienkapelle ausgestattet war die Spieker-Anlage nach traditionellem westfälischen Vorbild idyllisch heimatlich vervollständigt worden und eigentlich komplett. Es fehlte halt nur noch das Museum.

Das erste westfälische Karnevalsmuseum

In seinem Kopf (gemeint ist der Vörnste Baas der Narrengarde) existierte es schon lange - das Karnevalsmuseum für die Stadt Münster. Seit Kriegsende war er als Büttredner und Parodist sowie als Sänger für den Karneval unterwegs an Rhein und Werse und hatte viele Male auf eine Vergütung für den Bühnenauftritt verzichtet und statt dessen närrische Requisiten verlangt: Orden, Mützen, Liederhefte, karnevalistische Erinnerungsstücke gleich welcher Couleur, alles hatte er über die Jahre und Jahrzehnte hinweg gesammelt und zunächst in seinen privaten Kellergewölben unzugänglich lagern müssen. Jetzt endlich war die Gelegenheit gekommen, mit dem vereinseigenen Clubhaus auch ein Museum für all die närrischen Kostbarkeiten einzurichten und damit der Öffentlichkeit zeigen zu können. Geplant war, unter dem Dach des Spiekers, in bescheidenem Rahmen zwar, aber immerhin, das erste Karnevalsmuseum für die Stadt Münster einzurichten, das seinesgleichen in Westfalen (zu diesem Zeitpunkt) noch nicht hatte. Es wurde also, weil man so schön in Form war, gleich noch ein wenig weiter gebaut; und zwar wollten die aktiven Narren den oberen Clubraum des Spiekers pünktlich zur Sessionseröffnung ’78 fertig stellen. Unter der Leitung des Architekten Dipl. Ing. Böse der Firma Büscher und einer Handvoll fleißiger Paohlbürger ging die Arbeit zügig voran, und nach einigen hundert Arbeitsstunden war auch der zweite Teil des Bauvorhabens abgeschlossen und ein neuer rustikaler Clubraum geschaffen. Der immerhin 100 Quadratmeter große Raum unter dem Spiekerdach hatte waschmittelweiße Wände mit altdeutschem Kellenputz, dunkelgrünen Teppichboden und solide Eichendecken, die eine Atmosphäre zwischen gemütlich und (Ausstellungs-) praktisch schafften. An den Längsseiten des neu errichteten Karnevalsmuseums konnten Vitrinen ihren Platz finden, die von Orden und Ehrenzeichen, über Urkunden, Masken und karnevalsspezifischer Literatur bis zum letzten närrischen Accessoire alles beherbergten. Die Vitrinen und Schaukästen wurden von einem wuchtigen Schrank ergänzt, der an der Giebelseite stand und die Vereinsfahne sowie ein komplettes Prinzenkostüm auf einer Schaufensterpuppe zeigte.

Die erste Sonderausstellung

Damit war Willy Eichels Wunschtraum von einem Karnevalsmuseum Wirklichkeit geworden; im Obergeschoss des Vereinshauses der Narrengarde begann er nun, die traditionsreiche Geschichte des Münsterischen Karnevals anhand närrischer Erinnerungsstücke zu belegen. Einen fundierten Grundstock an Karnevalsrequisiten hatte Willy Eichel ja schon über Jahrzehnte angelegt und konnte ihn jetzt gebührend ausstellen: über 400 Exponate waren dort zu bewundern, darunter z. B. ein vergilbtes Zugprogramm von 1897, originelle Orden aus Seife und Kohle, und eine Fülle von karnevalistischen Sitzungsberichten, Plaketten, Standarten, alten Fotos, Narrenmützen und Münzen gab es zu bewundern, die, aufgeteilt nach den diversen Karnevalsgesellschaften, die lange und bunte Geschichte von Münsters Karneval dokumentierten.

Der frischgebackene Museumsdirektor Eichel wurde es auch nicht müde, immer wieder bei allen möglichen Gelegenheiten darauf hinzuweisen, daß man für das Museum noch geeignete Ausstellungsstücke benötige. In Zeitungsinterviews und bei allen öffentlichen Anlässen erinnerte er Münsters Bürger und Karnevalisten beständig, mögliche närrische "Schätze" auf Dachböden und in verstaubten Kellerräumen nicht vergammeln zu lassen, sondern dem Karnevalsmuseum zur Verfügung zu stellen. Doch die Bemühungen des Vörnsten Paohlbürgers waren nur von dürftigem Erfolg; interessante Stücke trafen über die Jahre hinweg nur sehr spärlich ein. Andererseits war das kleine Fachmuseum für Karnevalsgeschichte eine zusätzliche Attraktion für die Stadt Münster geworden und hatte schnell einen festen Platz in den Informationsbroschüren und städtischen Werbeprospekten gefunden. Angesichts der regen Besucherzahlen mußten schon bald regelmäßige Besuchszeiten eingerichtet werden, und einmal im Monat gab es einen Tag der offenen Tür, wobei den Besuchern der gesamte Spieker-Komplex - das Museum eingeschlossen - vorgestellt wurde. Als besonderen Werbegag für das Museum hatte die Narrengarde dann für den Karnevalsauftakt der Session 80/81 eine karnevalistische Sonderausstellung im Foyer der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) Münster arrangiert. Die närrische Schau zeigte die schönsten Exponate aus dem Spiekermuseum und sollte auf diesem direkten Wege in die Öffentlichkeit Münsters Bürgern und Narren zu einer größeren Identifikation und Anteilnahme mit dem Karnevalsmuseum bewegen. "Der Karneval kommt zum Bürger" war das Motto dieser zweiwöchigen Ausstellung, mit der man zeigen und überzeugen wollte, daß das kleine Fachmuseum nicht etwa eine Art Privatmuseum der Narrengarde ist, sondern ein Museum für alle, in dem sich der münsterische Karneval als Ganzes präsentiert. Die stetige und beharrliche Werbe- und Öffentlichkeitsstrategie für das erste westfälische Karnevalsmuseum am Paohlbürger-Spieker trug nach und nach Früchte: es kamen zusätzliche Vollglas-Sichtvitrinen hinzu, Sympathisanten schenkten Närrisches, und befreundete Kölner Gesellschaften stifteten großzügig ihre Traditionskostüme, Orden und Mützen und blieben bis auf den heutigen Tag dem Museum im neu errichten Paohlbürgerhof in Treue und freundschaftlich unterstützend verbunden.

Feste im Spieker

Die Paohlbürger hatten es geschafft: ihr eigenes Vereinshaus stand, und zudem hatten sie als erste Karnevalsgesellschaft in Westfalen ein Museum zur Karnevalsgeschichte eingerichtet, das sich sehen lassen konnte und schon bald über Münsters Grenzen hinaus bekannt geworden war. Und weil das so ist, wenn ein Projekt erst einmal steht und erfolgreich angelaufen ist, kamen in der Folgezeit die vermeintlichen Befürworter und Freunde zu Hauf. Die Handvoll Narren um Willy Eichel, die den Spieker aufgebaut hatten, konnten sich schon bald nicht mehr retten vor schulterklopfenden Freunden, den Nachfragen interessierter Besucher und neugieriger Karnevalskollegen. Wie schon an vorangegangener Stelle erwähnt, sahen sich die Paohlbürger schon bald veranlaßt, regelmäßige Öffnungszeiten einzuführen und allmonatlich einen Tag der offenen Tür zu veranstalten. Der Spieker bei Schloß Hohenfeld wurde zu einem beliebten Ausflugsziel nicht nur der münsterischen Karnevalisten, sondern für alle, die auch mal zwischen den karnevalistischen Sessionen etwas närrische und westfälisch rustikale Museumsluft schnuppern wollten. An Tagen der offenen Tür galt es dann, viele neugierige Fragen zu beantworten, z. B. warum der Spieker Spieker heißt, wer die hübschen Fenster gemalt habe, was es im Museum zu besichtigen gäbe und ob der alte gemütliche Sandsteinkamin zu kaufen sei. Bi en Beerken oder en Quakeltenwater wurden dann den interessierten Besuchern der Spieker-Aufbau erklärt, die typisch westfälische Bauernhaus-Tradition erläutert und natürlich ein Rundgang durch das Karnevalsmuseum gemacht. Auch Freunde münsterischer Karnevalsgesellschaften ließen es sich nicht nehmen, den Paohlbürger-Spieker kritisch in Augenschein zu nehmen; ob "Freudenthaler", "Unwiese" oder "Zwingeraner", alle hatten die großartigen Arbeitsleistungen der Narrengarde anerkannt und sparten nicht mit Lob und Glückwünschen, waren die Paohlbürger doch die erste und einzige Karnevalsgesellschaft in Münster (und auch in Westfalen), die mit einem derartig gemütlichen und architektonisch reizvollen Vereinshaus aufwarten konnten.

Mit Kaminfeuer, deftigen Schinkenbroten und einem gut gezapften Bier lockten die Paohlbürger viele ungezählte Male manch Neugierigen und auch Eingeweihte in den Spieker bei Schloß Hohenfeld. Schon frühzeitig bedeutete der Spieker kein Insider-Treffpunkt mehr für wenige, sondern ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes "Kommunikationszentrum" in Sachen närrischer und westfälisch-gediegener Freizeitgestaltung. Das Haus an der "Eichels-Wilm-Stiär" öffnete seine schweren Eichentüren für jedermann, der sehen wollte, was hinter den rustikalen Mauern steckt. Neben dem, was in dem Spieker an baulichen und musealen Sehenswürdigkeiten zu bewundern war, wurde in dem närrischen Vereinshaus natürlich fest gefeiert. Von der Vielzahl der Festivitäten kleineren und größeren Ausmaßes, karnevalistischer und mehr "profaner" Natur, seien im folgenden einige charakteristische Feierlichkeiten beispielhaft herausgegriffen und kurz beschrieben.

Karnevalsauftakt im Spieker

Fangen wir zunächst mit den karnevalistischen Darbietungen und Ereignissen im Spieker an, die schließlich mehr in der "Natur" der närrischen Gesellschaft zu liegen scheinen - natürlich der 11. im 11., der ja bekanntlich bisher mit einem Freibier-Brunnen am Kiepenkerl-Denkmal begann, wurde nun im Paohlbürger-Haus eingeläutet und gebührend gefeiert. Der schwungvolle Auftakt in die Karnevalszeit konnte nun endlich in den eigenen vier Wänden veranstaltet werden, natürlich mit prominenten Ehrengästen, Freunden anderer Karnevalsgesellschaften und last not least dem beliebten Freibier-Brunnen. Neben der offiziellen Begrüßung durch den Vörnsten Baas Willy Eichel sorgten dann in der Regel Paohlbürger-Sänger, wie z. B. Heinz Eissing, Ferdi Zellerhoff und der Narren-Chef höchst persönlich für eine gut gelaunte Einstimmung auf die "fünfte Jahreszeit". Während dieser ersten Sitzung der neuen Session lieft meistens ein bunt zusammengestelltes Programm ab, daß von improvisierten Büttreden und Gesangseinlagen der Vereinsakteure lebte und oftmals erst in den frühen Morgenstunden verebbte. Besondere Auszeichnungen, wie z. B. die Ehrennadel in Brillant, wurden während dieses Abends an verdiente aktive Mitglieder der Gesellschaft verliehen, und die anwesenden Damen der Geehrten bekamen wunderbare Orchideensträuße. Der Karnevalsauftakt im Spieker gestaltete sich so recht nach dem Geschmack, Einfallsreichtum und Spontaneität der anwesenden Narren und wurde zur nicht enden wollenden Partynacht, nicht zuletzt aufgrund des in dem Spiekerlied besungenen "geistigen" Beistands: "Im Spieker ist es prima, mein Freund, das glaube mir, das liegt bestimmt am Klima, bei Korn, bei Wein, bei Bier". Text und Musik Willy Eichel .

Hausfrauenabend

Vom Karnevalsauftakt bis zum Abschießen und Fischessen am Aschermittwoch, es gab genug Gelegenheiten närrischer Ausgelassenheit im Spieker zu beobachten und natürlich mitzufeiern. Einer dieser karnevalistischen Festtage ist z. B. auch der Hausfrauenabend an Weiberfastnacht, dem Donnerstag vor den närrischen drei tollen Tagen, an dem die Frauen der Paohlbürger-Narren das Zepter schwingen und den Spieker für sich beanspruchen. An diesem speziellen Tag ist es das weibliche Geschlecht, das die Männer zum Mitfeiern einlädt oder zum Tanz auffordert. Kurzum - die Damen der Schöpfung geben dann den Ton an und bestimmen das Geschehen im Paohlbürger-Haus, das durch locker improvisierte und auch einstudierte Darbietungen dem festlichen Abend einen ungezwungenen Reiz abgewinnt. An manchem Donnerstagabend hatten sich die "Weiber" dann prächtig kostümiert und den Spieker in einen Ballsaal verwandelt; närrisch unterstützt wurde die "Charme-Crew" zudem durch den "verräterischen" Einsatz von Büttrednern und Sängern der Gesellschaft, die den "herrschenden" Frauen ganz und gar nach dem Mund redeten und sangen, frei nach dem Motto: "Wessen Sekt ich trinke, dessen Lied ich singe". An diesen Hausfrauenabenden im Spieker war den Paohlbürger-Männern der totale Untergang angesagt, und nur mühsam gelang es hier und dort einem männlichen Narren, verlorengegangenes Terrain zurückzuerobern und Pluspunkte für die Männerwelt zu sammeln. Ein weiterer karnevalistischer Höhepunkt während der "fünften Jahreszeit" bedeutete u.a. das sogenannte "Spieker-Konfetti" der KG Paohlbürger. Zum Begriff selbst ist angemerkt, daß hier keineswegs an einem Abend tüten- oder tonnenweise diese kleinen Papierblättchen von ca. 5 mm Durchmesser verteilt werden, sondern daß es sich hierbei "lediglich" um eine Art Generalprobe für die große Galaveranstaltung in der Halle Münsterland handelt. Im übertragenen Sinne hat man es sich in etwa so vorzustellen, daß beim "Spieker-Konfetti" Büttreden, Gags, Schlager, Parodien, Tanzeinlagen und ganz einfach närrisch improvisierter Klamauk wie Konfetti in lockerer bunter Abfolge durch den Spieker "wirbeln". Tanzschritte, Harmonien, Texte und Gesten der Akteure werden dann von allen anwesenden Kollegen kritisch begleitet und für den anstehenden großen Gala-Prunkauftritt bühnenfähig zurechtgefeilt.

Die Paohlbürger-Narren trugen zumeist unter der routinierten Leitung der Bütt-Kanone Norbert Zellerhoff ihre "Konfetti"- Einlagen vor, hinter denen sich oftmals monatelange Vorbereitungen verbargen und die nun mit gewisser Nervosität und Lampenfieber zum ersten Mal vors Publikum gebracht wurden. Nur was vor dem kritischen Auge und Ohr der Gäste und Kollegen Bestand hatte, wurde letztlich in das Programm der Gala-Prunk-Sitzung aufgenommen. Und trotz der zähen und harten Arbeit der Akteure im Vorfeld sollte kein starres Festprogramm die Laune der Gäste drücken, alles hatte so auszusehen und wirkte auch tatsächlich so, als wäre es perfekt improvisiert. Mit von der Galatestpartie waren viele Male z. B. Eddy Bötsch, Heinz Eissing, Ferdi Zellerhoff,Bärbel Laumen und Hans Leckel, der liebevoll der Willy Ostermann des Münsterlandes genannt wurde. Oft mit dabei war ebenfalls das Mundharmonika-Trio und Co. mit Hans-Richard-Elfers, Siggi Schäpers, Dieter Wemhöhner und Willy Schöttler; und fehlen durfte natürlich nicht das Eichelmann-Trio mit dem Vörnsten Baas Willy Eichel, Bube Wesselmann und Wolfgang Heister, und die Büttredner Edmund Kolwitz, Günter Klett und Winfried Ohlgart sowie Kiepenkerl und Landois streuten auf ihre Art Konfetti unters Volk.

Ein karnevalistischer Höhepunkt jagte den anderen, und mit einem oft dreistündigen Nonstop-Programm mit Akteuren der Spitzenklasse wurde dem närrischen Publikum in gemütlicher Spieker-Atmosphäre so richtig "eingeheizt". Kein Wunder also, wenn derartige Höchstleistungen auch beim WDR Köln Gehör fanden und ein ums andere Mal von einem Fernseh-Team aufgezeichnet wurden. Prominente münsterische Politiker wie z. B. die Staatsminister Möllemann und Dr. Jahn waren ebenso vertreten wie selbstverständlich Münsters Oberbürgermeister Dr. Werner Pierchalla sowie der höchste Würdenträger der münsterischen Karnevalsszene, der Präsident des Bürgerausschusses zur Förderung des Münsterschen Karnevals, Willi Honert, Max Reuter oder etwa Vertreter der Prinzengarde.

Als ein Beispiel eines gelungenen Konfetti-Programmes sei im folgenden die abendliche Veranstaltung der Session ’82 herangezogen, um einmal Vielfalt und Buntheit dieser närrischen Einrichtung zu demonstrieren. An diesem Abend herrschte eine famose Stimmung in dem verständlicherweise überfüllten Kaminraum, als Heinz Eissing mit dem "Westfalenland"-Lied den Reigen der Akteure eröffnete; später brachte dieser verdiente Paohlbürger noch seinen damals neuesten Schlager "Der Schrankenwärter von Dingsbumshausen" zum besten und den Saal zum bersten. Voluminös und vier Oktaven beherrschend sang Eduard Bötsch seine bekannten Lieder, die mit viel Beifall bedacht wurden. Von großem Können und leidenschaftlicher Virtuosität zeugten die Darbietungen des Harryson-Trios (und Co.: Hans-Richard Elfers, Willi Schöttler, Siegfried Schäpers und Dieter Wemhöhner), die mit der perfekten Beherrschung eines Mundharmonika- und Gitarren-Zusammenspiels die konzentrierte Aufmerksamkeit der Gäste erforderten. Für den humoristischen Teil des Abends sorgte Norbert Zellerhoff als geplagter Ehemann, der sich in Westfalen niedergelassen hatte; der Vörnste Baas Willy Eichel erschien höchstpersönlich als "Türmer von Lamberti", und Herbert Brüggemann und Werner Jacobs kalauerten in der Maske von "Kiepenkerl" und "Professor Landois". Paohlbürger Winfried Ohlgart trat als Handwerker-Schnelldienst in Erscheinung und begeisterte die Zuhörer mit einem witzig pointierten Erlebnisbericht. Als Vertreter des westfälisch urigen Humors trat noch Heinrich Gremm in Person eines passionierten Urlaubers ins Rampenlicht, und schließlich sorgte das Eichelmann-Trio musikalisch für fröhliche, ausgelassene Stimmung bis in die frühen Morgenstunden. hinein. Erstmals wurde dieser Abend vom Fernsehen des ZDF aufgezeichnet.

Tennengericht im Spieker

Soweit ein typischer "Konfetti"-Abend im Paohlbürger-Spieker. Das weitaus größte karnevalistische Ereignis in den Spiekermauern bedeutete zweifellos das närrische Tennengericht der Paohlbürger. Hatte dieses populäre Narren-Spektakel bisher im Mühlenhaus an der Bockwindmühle stattgefunden, so fand das hohe Narren-Gericht nun einen gebührend westfälisch-rustikalen Rahmen im neu errichteten Spieker. Nach dem der Auf- und Ausbau des vereinseigenen Clubhauses soweit gediehen war, konnte schließlich in der Session 1978 das Tennengericht zum ersten Mal im eigenen Spieker aufgezogen werden. Als Angeklagte für das erste Spieker-Gericht hatte die Narrengarde sich diesmal folgende Herren ausgeguckt: Ede Geringhoff, Georg Möhle, Anton Möllers, Karl-Heinz Voss und Harry Gooyer. Schon früh morgens trafen sich die "schweren Jungs" beim Paohlbürger-Ehrensenator Jupp Horstmöller in der Cachette, um sich an einem Sektfrühstück erst einmal ordentlich zu stärken für den nachfolgenden "gnadenlosen" Schauprozeß. Unter dem Begleitschutz der Paohlbürger-Ehrensenatoren ging es dann zum Gerichtsort, wo die Hauptangeklagten schon von weit über hundert Prozeß-Beobachtern erwartet wurden. Der Vizepräsident des Ehrensenats, Hans Schweifer, konnte an diesem denkwürdigen Tag zahlreiche Ehrengäste aus Kommunal- und Bundespolitik sowie Abordnungen befreundeter Karnevalsgesellschaften begrüßen. Und natürlich waren auch diesmal die lokalen Pressevertreter und Aufnahmeteams von Rundfunk und Fernsehen, an ihrer Spitze Ehrensenator Paul Ludwig, vertreten. Nachdem auch der Vörnste Baas der Gesellschaft, Willy Eichel, seine Grußworte an die Versammlung losgeworden war, konnte sodann das Gericht Einzug halten. Die humorigen und brillant witzig formulierten Wortgefechte, wie sie in den nachfolgenden Stunden hitzig pointiert zwischen hohem Gericht und Angeklagten losgefeuert wurden, kann man in seiner spontanen improvisierten Einmaligkeit gar nicht so recht authentisch wiedergeben, man muß es einfach miterlebt haben. Aus dem Gerichtsprotokoll seien deshalb einige auffällige Randbemerkungen aus dem Verlauf des närrischen Prozesses festgehalten.

Kriminaldirektor Anton Möllers, sonst von Berufs wegen zu weißer Weste verpflichtet, konnte man ans Zeug flicken. So hatte er z. B. unerlaubterweise Ermittlungen über den festlichen Verlauf einer Paohlbürger-Veranstaltung angestellt. Nicht weniger schwer wog der Fehltritt des Fliesenkaufmanns Karl Heinz Voss, der bei der Plattierung des Spiekers durch das Weglassen ganz eminent wichtiger Fliesen das Bierzapfen ungemein erschwert hatte. Bausünden wurden auch dem Elektrogroßhändler Georg Möhle zur Last gelegt, der ebenfalls im schönen Paohlbürger-Spieker allzu antiquarisch bei der Kabelverlegung vorgegangen sein sollte. Wenig Chancen rechnete man in gut informierten Kreisen Harry Gooyer zu, der als Blumengroßhändler die unglaubliche Frechheit besessen hatte, karnevalistisches Flair in sein Eigentum überführt und dann den Frauen der Narren vermacht zu haben. Schließlich mußte sich Bauingenieur Ede Geringhoff wegen übler Nachrede verantworten, denn er hatte immerhin über arbeitende Leute in unflätiger Weise hergezogen, die den Karneval auf ihre Fahnen geschrieben hatten.

Prominenz auf der Anklagebank

Nur der Milde des Gerichts - bestehend aus den Richtern Norbert Zellerhoff und Willy Eichel -, dem Verständnis des "Staatsanwalts" Dr. Albrecht Beckel und der geschickten Verteidigung durch Rechtsanwalt Dr. Peter Schmidt und Conny Rieverts sowie dem günstigen Urteils des medizinischen Sachverständigen Dr. med. Schulz-Kallenbach verdankten es die Angeklagten, mit heiler Haut davon gekommen zu sein und sich künftig Ehrensenatoren der Karnevalsgesellschaft Paohlbürger nennen zu können.

In den nachfolgenden Sessionen wurden immer wieder vor hoffnungslos überfülltem Spieker Anklagen formuliert und schließlich doch närrische Freisprüche erteilt und Ehrensenatorwürden verliehen. Beim Tennengericht des Jahres 1980 hatten sich z. B. der Regierungspräsident Dr. Erwin Schleberger, MZ-Verlagsleiter Dr. Hans-Georg von Portatius, Obersportrat Siegfried Winter und FDP-Ratsherr Ernst Brück zu verantworten, denen u.a. "schauerliche Verbrechen" gegen den § 11, Abs. 11 des karnev. StGB nachgewiesen werden konnten. Sie wurden zudem nicht druckreifer Delikte beschuldigt, vermochten aber, wie ihre Vorgänger, wortreich Widerspruch zu artikulieren und konnten ebenso auf Freispruch und Freibier hoffen. Nach und nach war mit den immer populärer werdenden Tennengerichten die münsterische Prominenten-Szene rechtlich abgeschöpft und so besann man sich im Paohlbürger-Vorstand darauf, Prominenz aus Politik und Wirtschaft nun von Landes- und Bundesebene auf die Anklagebank zu holen. Zu nennen sind an bedeutenden Namen z. B.: Innenminister Möcklinghoff, Bauern-Präsident Heeremann, Ex-Staatsminister Möllemann, NRW-Landesvater Rau, Staatssekretär Jahn, SPD-MdB Catenhusen, Ex-Bundesaußenminister Genscher, CDU-MdL Biedenkopf, Minister Windelen, NRW-Arbeitsminister Heinemann, CDU-Generalsekretär Geißler, SPD-Chef Vogel, Landwirtschaftsminister Kiechle.

Für die karnevalistische Session 81/82 konnte die Narrengarde den damaligen Vizekanzler, Bundesaußenminister und FDP-Parteichef Hans-Dietrich Genscher für das Paohlbürger-Tennengericht gewinnen. Und neben Genscher strebte auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau die höchste Paohlbürger-Ehre an. Willy Eichel und seinen närrischen Vereinskollegen war damit wieder einmal ein Meisterstück gelungen, das noch keine Karnevalsgesellschaft geschafft hatte: sie kürten gleich zwei bekannte Polit-Stars auf einmal zu Ehrensenatoren. Eine ähnlich hochpolitische und närrische Sensation gelang den Paohlbürgern später im neu errichteten Paohlbürgerhof am Heumannshof: als Angeklagte vor dem Tennengericht standen sich dort die politischen Kontrahenten Heiner Geißler und Hans-Joachim Vogel gegenüber, die schließlich in feucht-fröhlicher Atmosphäre frei debattieren konnten und ebenfalls zu Ehrensenator-Würden gelangten. Doch hiervon sei an späterer Stelle mehr berichtet.

Paohlbürger-Ehrenring

Neben dem Tennengericht, dem karnevalistischen Spitzenprodukt der Narrengarde, das die Gesellschaft über die Maßen bekannt gemacht hatte und das quasi zum Synonym für den Paohlbürger-Karneval geworden ist, gab es natürlich noch eine Reihe weiterer interessanter Höhepunkte und Darbietungen im Spieker, die nicht alle in der Breite vorgestellt und beschrieben werden können. So fiel in der Auftaktzeit z. B. auch ein geselliger Abend hinein, an dem speziell der Paohlbürger-Ehrenring verliehen wurde.

Der Ehrenring war und ist eine besondere Auszeichnung der Narrengarde, die nur einmal im Jahr an ein besonders verdientes Mitglied vergeben wird. Der Paohlbürger, der im neu errichteten Spieker als Erster zu dieser Auszeichnung gelangte, war 1978 der jungvermählte Wolfgang Heister, der den kostbaren Ehrenring aus den Händen des Vizepräsidenten des Ehrensenats, Hans Schweifer, erhielt. Wolfgang Heister war zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 20 Jahren im Dienste der Narrengarde tätig und gehörte zum Mundharmonika-Trio, das mit seinem Können bei öffentlichen Auftritten schon viel an Virtuosität gezeigt hatte.

Weitere Träger des Paohlbürger-Ehrenrings wurden unter anderen in den nachfolgenden Jahren Hans-Jürgen Gartzke, Willi Schöttler, Ferdi Zellerhoff, Wilfried Selberg, Heinrich Gremm, Heinz Eissing, Siegfried Schäpers, Heinz Lennertz, Winfried Ohlgart, Herbert Brüggemann, Josef Kaffille und Gerd-Peter Bragulla.

Dann galt es, die ganzen Geburtstage der Vereinsmitglieder in zünftiger Runde zu feiern; prominentestes Geburtstagskind in den ersten Spiekerjahren war zweifellos der sich mit den Narren besonders verbunden fühlende münsterische FDP-Mann und Ex-Bundesminister Jürgen W. Möllemann. Prominentester Gast an dem betreffenden Abend im Sommer 1979 war der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, der eigens aus Düsseldorf anreiste, um mit seinem ehemaligen Koalitionskollegen ein paar fröhliche Stunden zu verbringen. Bei der feucht-fröhlichen Gratulations-Cour waren natürlich auch der Paohlbürger-Kiepenkerl, Landois und der Tolle Bomberg mit von der Partie, die auf ihre unvergleichliche Art für Stimmung und gute Laune sorgten - mit dem Resultat, daß Landesvater Rau spontan den Antrag annahm, in der übernächsten Karnevals-Session Ehrensenator der Gesellschaft zu werden.

Als kleiner Nachtrag zum Paohlbürger und Ehrensenator Jürgen Möllemann sei angemerkt, daß sich die münsterischen FDP-ler überhaupt recht wohl fühlten im Spieker; zahlreiche Empfänge und außerpolitische Treffen wurden in den närrischen Wänden bei Schloß Hohenfeld veranstaltet, wie z. B. das Sommerfest der münsterischen Liberalen im September 1980: an diesem Abend konnte der Vörnste Baas schon kurz nach 20.00 Uhr "volles Haus" melden, denn mehr als 200 Gäste drängten sich im Spieker und vor dem urigen Karnevalisten-Domizil, wo FDP-Ratsherr Ernst-Brück fachmännisch gebackenen Schinken zerlegte, assistiert vom Ex-Landtagsabgeordneten Hartmuts Marks.

Paohlbürger und Preußen

Ein weiteres nicht zu vergessenes Kapitel der Spieker- und Paohlbürgergeschichte sind die Besuche befreundeter Karnevalsgesellschaften im Clubhaus und natürlich im Karnevalsmuseum der Narrengarde. Es gehörte zu den Selbstverständlichkeiten des närrischen Vereinslebens, daß man nicht nur den Kontakt zu den münsterischen und westfälischen Karnevalsvereinen suchte, sondern ebenso und ganz besonders aus langjähriger Verbundenheit heraus die Kölner und Mainzer Gesellschaften besuchte und ins eigene Haus einlud. Die Gastvisiten der rheinischen Jecken der "Treuen Husaren", der "Blauen Funken" wie der "Roten Funken" und z. B. der Bingener "Schwarzen Elf" brachten nicht nur rheinisches Karnevalsflair nach Münster, sondern sorgten zudem mit karnevalsspezifischen Sach- und Materialspenden, sprich Narren-Mützen, Sessions-Orden, Lieder- und Jubiläums-Heften sowie Traditionskostümen für eine attraktive Bereicherung des Karnevalsmuseums unter dem Spiekerdach. Als ein Beispiel eines gelungenen Besuchstages in Münster und im Paohlbürger-Spieker sei das Dankschreiben des Geschäftsführers der Oberhausener KG "Dampf drauf" abgedruckt, der ein Dankeschön für ein paar froh gelaunte und erlebnisreiche Stunden an den Münsterschen Verkehrsverein formulierte.

Erwähnenswert ist weiterhin der gute Kontakt der Paohlbürger zu den "Preußen", genauer gesagt zum SC Preußen 06. An einem Tag der offenen Tür im Sommer 1982 saßen erstmals der altaktive "Preuße" Hubert Heydt mit dem Vörnsten Paohlbürger-Baas zusammen an einem Tisch, und dabei kamen sie schnell über die gleichgelagerten Vereinsprobleme zusammen. Und nach ein paar Gläschen Gerstensaft war klar, daß die beiden prominentesten "Preußen", nämlich Hubert Heydt sowie Heinz Vollmer Mitglieder der Narrengarde werden würden. Man wollte fortan kooperativ zusammenarbeiten - war doch immerhin eine ganz beachtliche Anzahl von Paohlbürgern auch Mitglied beim SC Preußen. Die freundschaftliche Verbindung Paohlbürger / Preußen hat sich bis in die heutigen Tage gehalten.

Fischermahl des Ehrensenats

Neben den geselligen Abenden bei Gerstensaft und Korn gab es auch kulinarische Anlässe für den verwöhnten Paohlbürger-Gaumen. So gehörte das Spargelessen des Senats etwa zum festen Bestandteil einer jeden Session. Und was dem Senat sein Spargel, ist dem Ehrensenat ein Fischermahl wert. Die Idee hierzu hatte Anfang der achtziger Jahre der Ehrensenator und Zahnarzt Dr. Friedemann Hengesbach, der nicht nur den herrlichen Fisch spendierte, sondern zugleich auch beim jeweiligen Fischermahl - als Seebär in Fischerjacke gekleidet - die leckeren See- und Meerestierchen an den hungrigen Mann brachte. Damit der Fisch nun auch entsprechend schwimmen konnte, sorgte der Paohlbürger-Ehrensenator und Brauerei-Chef Egbert Preußners für das entsprechende kühle Naß, sprich Germania-Pils. Die Augen liefen den närrischen Gästen über, angesichts all der Delikatessen an solch einem Fischabend: geräucherte Blankaale, Bücklinge, Heringsfilets, Makrelen und Kieler Sprotten. Und als exzellenter Fischspezialist gab Hengesbach zudem Gebrauchsanweisungen mit auf den Weg, wie man sich manch goldbraunes Fischchen auch fach- bzw. fischgerecht einverleibt. Neben Korn und Aquavit wurde der Spieker zudem mit norddeutschem Küstenflair ausgestattet: Fahnen der Marinekameradschaft und des Landes Schleswig-Holstein schmückten dann den Spieker-Vorraum, und das Buffett-Personal in Seemannstracht servierte - wie könnte es närrischer sein - zu den Klängen bayrischer Blasmusik.

Närrische wie soziale Höchstleistungen bedeuteten dann die unvergessenen Spieker-Feste der Stadtredaktion der Münsterschen Zeitung, die ab 1979 alljährlich Repräsentanten des öffentlichen Lebens und aus den verschiedensten Bereichen einlud. Immer wenn die MZ-Redaktion ihr Spiekerfest arrangierte, geschah dies auch zu einem guten Zweck. So stand das Spiekerfest 1979 ganz im Zeichen der Hilfe für die vietnamesischen Flüchtlinge, die in Münster eine neue Heimat finden sollten; bei diesem ersten Spiekerfest der MZ belief sich der Reinertrag auf stolze 4.370,00 DM. Dem gerade gegründeten Verein "Münster-Museum" widmete die MZ-Redaktion den Ertrag ihres 2. Spiekerfestes 1980 (Spende 5.170,00 DM). Wiederum einem eben erst aus der Taufe gehobenen Verein halfen die Gäste des 3. Spiekerfestes im Herbst 1981, als über 5.200,00 DM und etliche Sachspenden dem Verein "Freunde für Rishon Le Zion" zur Verfügung gestellt werden konnten, die für die Bibliothek im "Münster-Haus" der israelitischen Partnerstadt bestimmt waren. Im Jahr 1982 ging der Erlös der MZ-Veranstaltung an das Vinzenzwerk in Münster-Handorf, das in einem Kinderheim und zwei Außenwohngruppen insgesamt 70 Kinder und Jugendliche betreute. Die stolzen Spendenbeträge waren natürlich vor allem den Gästen und einer ganzen Reihe von Firmen zu verdanken, ohne deren Beitrag solche Ergebnisse freilich nicht möglich gewesen wären. So stiftete z. B. die Germania-Brauerei das Bier, "härtere Sachen" wurden der MZ aus der Brennerei Hubert Heydt zur Verfügung gestellt; Weine wurden vom Weingut Grünewald in Bingen gespendet und münsterische Partyservice-Dienste sorgten in hervorragender Weise für das leibliche Wohl. Die Paohlbürger stellten das Haus, die Bedienung, Bier und Wein und die Musik. Ins Leben gerufen wurde diese Veranstaltung durch den damaligen Redaktionsleiter der MZ. Conny Rieverts und Willy Eichel.

Närrisches und Soziales - Die Narrengarde wird "30"!

25 Jahre Paohlbürger-Karneval

Natürlich gab es neben den festlichen Angelegenheiten im Spieker eine ganze Reihe von Aktionen und karnevalistischen Betätigungsfeldern, die begleitend zum Spieker-Programm abliefen. Ende der siebziger Jahre galt es dann, das große silberne Paohlbürger-Jubiläum zu feiern: ein Vierteljahrhundert Karneval und närrisches Treiben hatten die Männer der Bütt auf dem Buckel, und dieses Ereignis mußte natürlich zünftig und entsprechend karnevalistisch gefeiert werden. Die Narrengarde war mittlerweile nicht nur zur größten Karnevalsgesellschaft Münsters herangewachsen, die Paohlbürger waren auch die einzigen Narren (landesweit), die ein eigenes Vereinshaus aufgebaut hatten und ihr eigen nennen konnten. Aus dem einstigen "Verein der Akteure", der sich aus Opposition gegen den formal und starr gewordenen präsidialen Sitzungskarneval gebildet hatte, war eine renommierte Gesellschaft geworden, und dies nicht zuletzt aufgrund des tatfreudigen Einsatzes der Paohlbürger-Akteure und dank des unermüdlichen Schaffens und Wirkens des Vörnsten Baas Willy Eichel. Als Höhepunkt der Session richteten die Paohlbürger damals eine Super-Galasitzung in der Halle Münsterland ein, für die ja, wie schon an anderer Stelle erwähnt, der berühmte Musical-Star Tatjana Iwanow als besonderer Showknüller gewonnen werden konnte. Einmalig in der bisherigen Karnevalsgeschichte war dann auch die Funktion der "Dolly" Iwanow bei dieser Galasitzung: etwas berufsfremd, aber ebenso erfolgreich wirkte sie nämlich als Sitzungspräsidentin und heizte den anwesenden Narren zudem mit bekannten Musical-Schlagern ordentlich ein. Anläßlich dieser Jubiläums-Prunksitzung waren als humorige Einlage "echte" Paohlbürger-Geldscheine in Form von 1.000,00-DM-Banknoten in Umlauf gebracht worden, und als besondere Augenweide hatte die Narrengarde noch - neben vielen anderen interessanten Gala-Gästen - zwei echte Karnevalsköniginnen aus Rio nach feurigen Samba-Rhythmen über die Bühne tanzen lassen.

Aus Anlaß des silbernen Jubiläums hatten die Paohlbürger ein besonderes Emblem herausgegeben, auf dem das Sessions- und Geburtstagsmotto zu lesen war: "Eins, zwei, drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit!"; und dieses silberfarbene Emblem zierte nicht nur die Titelseite der äußerst sorgfältig und liebevoll zusammengestellten Jubiläumsschrift oder etwa die Germania-Bierdeckel, sondern zudem die Rückseite einer veritablen Schwarzwälder Taschenuhr, die als Jubiläumsorden der Gesellschaft herausgegeben wurde und aufgrund der reizvollen und kostbaren Aufmachung reißenden Absatz fand. Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang mit dieser Jubiläums-Session noch ein weiterer Karnevalsorden der Narrengarde, der zum Auftakt der nachfolgenden Session 79/80 auf den närrischen Markt gebracht wurde. In diesem Fall hatten die Paohlbürger nämlich anstelle der üblichen karnevalistischen Ehrenzeichen in Metall eine Tonbandkassette mit Ausschnitten aus der Jubiläums-Galasitzung mit Tatjana Iwanow produziert und als ersten "tönenden Karnevalsorden" Deutschlands (!) an verdiente Narren verliehen. Dieses Produkt närrischen Einfallsreichtums ging natürlich auf den vörnsten Paohlbürger Willy Eichel zurück, der neben der Idee auch für den Schnitt der Aufnahme verantwortlich zeichnete und somit allen Karnevalsfreunden die einmalige Gelegenheit bot, auch und gerade in karnevalsfreier Zeit ein vergnügliches und kurzweiliges Programm brillanter Gesangsbeiträge und Bütt-Produktionen zu genießen.    

Das "Bischöflich-münstersche Offizierscorps" der Paohlbürger

Ein eigenes Tanzcorps zu haben, dieser Gedanke wurde anläßlich der Senatstaufe ’79 in der Cachette im Fürstenhof durch Willy Eichel geboren, als Hermann Hewing, der langjährige Kommandant der karnevalistischen Stadtwache, sich nach einem Gespräch mit dem Vörnsten Baas bereit erklärte, ein eigenes Tanzcorps für die Narrengarde aufzustellen. Bis zur Sessionseröffnung am 11. November 1980 wurde sodann eine 15-körpfige Corps-Mannschaft herangebildet, wobei sich Tanzmariechen, Tanzoffizier und der "Rest der Truppe" in historischen Kostümen mit deutlich münsterischen Geschichtsbezug präsentierten. Nach einer Uniform-Vorlage eines "Bischöflich Münsterschen Infanterie-Offiziers von 1792" wurde die nicht billige "Dienstkleidung" des Paohlbürger-Tanzcorps gearbeitet, und zwar farblich auf die Stadtfarben Münsters abgestimmt. Mit diesem närrischen, jedoch geschichtsbezogenen Tanzcorps, dessen Einkleidung durch Freunde und Gönner finanziert werden konnte, wollte man quasi eine karnevalistische Elite-Truppe aufstellen, als, so Willy Eichel, "neuen, lebhaften Akzent zur Bereicherung des münsterischen Karnevals". Bis zu offiziellen Vorstellung des neuen Paohlbürger-Corps in der Öffentlichkeit fanden schon diverse Versammlungen, "Musterungen" und Auftritts-Proben zur vollsten Zufriedenheit des Kommandanten statt. Beim Senatsball ’80 in den festlich geschmückten Räumen des "Zwei-Löwen-Klubs" bildete dann eine Modenschau besonderer Art den abendlichen Höhepunkt, als nämlich die ersten prächtigen Kostüme des "1. Bischöflich-münsterischen Offizierscorps" vorgestellt wurden.

Die Corps-Premiere feierten die Paohlbürger dann natürlich in ihrem Spieker, in den der Narren-Vorstand Freunde und Kollegen münsterischer Karnevalsgesellschaften zu einem Vorstellungsabend eingeladen hatte. Was als "Schnapsidee" geboren wurde, war nun aus der Taufe gehoben: das allseits mit Spannung erwartete Tanzcorps konnte nun zum ersten Mal zeigen, was ihm in den Beinen steckte. Musikalisch begleitet vom Spielmannszug "Hohe Geist" veranstaltete die funkelnagelneue Tanztruppe seine Generalprobe im Paohlbürger-Spieker, daß die altehrwürdigen Eichenbalken erzitterten. Nach den zackigen Kommandos des Adjudanten Michael Vernherm, der sich gleich mit einem Haarappell bei seiner Truppe "unbeliebt" machte, stand das Corps vollzählig ausgerichtet zur Übernahme bereit. Der Kommandant Hermann Hewing nahm sodann aus der Hand des Vörnsten Baas Willy Eichel die Urkunde zu seiner Ernennung und den Ehrendegen samt persönlicher Widmung als Dank für seine aufopfernde Tätigkeit um dieses Corps entgegen.

Und sogar kirchliche Prominenz war bei dieser Aktion mit ihrem Segen dabei: der Geistliche Rat Norbert Kleyboldt, der schon am Tennengerichts-Sonntag die Einsegnung hochoffiziell für das Domkapitel vorgenommen hatte, wurde mit Miniaturdegen, Urkunde und Jubliäumsorden ausgestattet und zum Ehrenfeldtüchmester a.D. ernannt. Begeistert merkte Ehrengeistlicher Kleyboldt an, daß es der Garde mit ihren schmucken Uniformen eigentlich anstünde, sich Fürstbischöfliches Offizierscorps zu nennen. Dann endlich folgten den gewechselten Worten tanzende Taten: der Kommandant nahm die Meldung seines Adjudanten entgegen und befahl kurz und präzise: "Mariechen tanz!" Zu den Klängen des Spielmannszuges "Hohe Geist" unter Tambourmajor Edwald Wulf wirbelte Tanzoffizier Thomas Laubersheimer die ebenso hübsche wie talentierte Ursula Wessel durch den Spieker. Soweit der erste offizielle Auftritt der tanzenden Paohlbürger-Offiziere - von denen es in den nachfolgenden Jahren noch Ungezählte mehr gab. Noch ein Wort zum Corps-Leben. Gleich im darauf folgenden Jahr veranstaltete die Corps-Mannschaft ihr erstes Feldlager im bzw. am Paohlbürger-Spieker auf eigene Einladung hin und für alle münsterischen Karnevals- und Coprsfreunde. Alle Akteure, Spielmannszug wie Corps-Offiziere hatten hierfür ihren gesamten Wehrsold in dieses Unternehmen gesteckt und ein rustikales Lagerleben arrangiert - mit Grillschinken, Krautsalat und Pils 2000.

Zum ersten offiziellen Corps-Biwak in Zusammenarbeit mit den Paohlbürger hatte man sich für die darauf folgende Session eine besondere Attraktion einfallen lassen: die deutsche Mark wurde außer Kraft gesetzt, und nur selbst geprägte Münzen galten als Zahlungsmittel für Bier, Erbsensuppe, Töttchen und Gegrilltes. Damit auch jeder in den Besitz selbstgeprägter Münzen kam, hatten die Paohlbürger eine eigens von der BfG (Bank für Gemeinwirtschaft) entliehene Prägemaschine an Ort und Stelle aufgebaut. Bürgermeister Franz Reuter und BfG-Chef Udo Breider höchstpersönlich prägten die ersten Silbermünzen, die jedermann nach Belieben in Zinn oder Feinsilber produzieren konnte. Als Motiv für den Corps-Taler wählte man keinen geringen als den Kiepenkerl, der nach Entwürfen des Grafik-Designers Peter Struwe entstand. Bei späteren Feldlagern sollten nach und nach sämtliche Originale Münsters auf diesen Münzen verewigt werden. Wichtig und besonders erwähnenswert ist im Zusammenhang mit den Corps-Lagern, daß die Narrengarde mit dieser öffentlichen Veranstaltung der münsterischen Bevölkerung nicht nur ein paar angenehme und unterhaltsame Stunden bescherte, sondern zugleich indirekt den Senioren und Behinderten eine Freude machte - war doch der Reingewinn eines jeden Biwaks den beiden großen Sozialveranstaltungen der Paohlbürger "An einem Tag im Mai" und der Gala-Sitzung für die Schwerbehinderten zugedacht.

Die Karnevalssession ’82 hatte neben dem erfolgreich angelaufenen Biwak noch in zweiter Hinsicht etwas Erfreuliches für das neugegründete Corps: sie bekamen eine eigene Fahne. Dank großzügiger Spenden einiger Mitglieder konnte eine eigene Corps-Fahne in Auftrag gegeben werden, die nach den Entwürfen des Dekorations-Designers Waldemar Mallek von der Firma Fahnen-Reuter fertiggestellt wurde. Den größten Spendenbeitrag stellten dabei die Ehrensenatoren Bernd Schulze Wilmert, Heinrich Hollenhorst und  Germania-Brauereichef Egbert Preußners zur Verfügung, der neben zahlreichen und beständigen (!) finanziellen wie materiellen Unterstützungen für die Gesellschaft auch diesmal bei der Anschaffung der für das Corps existentiell wichtigen Fahne maßgeblich beteiligt war. Die offizielle Übergabe der Corps-Fahne erfolgte durch den Paohlbürger-Feldgeistlichen Norbert Kleyboldt, der die festliche Gelegenheit nutzte, um karnevalistische Symbole grundsätzlich zu rechtfertigen; denn militärisch seien die Attribute der närrischen Garden zwar, doch in all ihrer Heiterkeit, so führte Kleyboldt aus, kämen sie doch dem Bilde vom "Umschmieden der Kriegswerkzeuge" nahe. Die Fröhlichkeit, die im Gefolge dieser Prachtentfaltung herrsche, schien ihm als "Zeichen friedlicher und friedliebender Gesinnung", und deshalb konnte er ruhigen Gewissens "Gottes Segen" für die Fahne erteilen.

Sonderstempel zum 30-ten

Ein paar erlebnisreiche und aktive Sessionen weiter hatten die Paohlbürger erneut ein Jubiläum zu feiern: dieses Mal, mit der Karnevalssession 83/84, konnte die Narrengarde auf dreißig Jahre erfolgreiche Karnevalspraxis und närrischen Dienst in der Bütt zurückblicken. Für diesen runden Geburtstag hatten sich die Narren um Willy Eichel wieder ein ganz besonderes Jubel-Programm mit unzähligen attraktiven Höhepunkte ausgedacht. Doch schon der Auftakt bzw. Einstand in die Geburtstagssession begann mit einem genialen Paukenschlag, der in der gesamten "fünften Jahreszeit" 83/84 in diesem Ausmaß gar nicht mehr überboten werden konnte. Das ideenreiche Haupt der Narrengarde hatte sich einen äußerst öffentlichkeitswirksamen Clou überlegt, womit der münsterischen Jeckenszene einmal mehr deutlich wurde, wer die närrische Kapazität und Institution Münsters schlechthin war. Zum offiziellen Auftakt in die "30er" gaben die Paohlbürger nämlich einen Original-Postsonderstempel heraus.

Der vereinseigene Grafikdesigner Peter Strube hatte ihn entworfen, mit Spieker-Abbildung, Paohlbürger-Emblem, Gründungsdatum und Geburtstag und dem Hinweis auf das "1. Karnevalsmuseum in Westfalen". Zum 11.11. eröffneten die Paohlbürger sodann die Session mit einem richtigen Sonderpostamt der Deutschen Bundespost, und zwar am Stadthaus I., wo dann der amtliche Stempeldruck an Karnevalsfreunde und Briefmarkenliebhaber ausgegeben wurde. Für diese Aktion konnte die Narrengarde den Präsidenten der Oberpostdirektion Münster, Hans-Wilhelm Busch, gewinnen, der den ersten Sonderstempel druckte und ihn keinem geringeren als dem Oberstadtdirektor Dr. Hermann Fechtrup überreichte. Die Paohlbürger-Originale Bomberg, Landois, Kiepenkerl und Felix Marie sowie der Ehrensenatspräsident und der Vörnste Baas waren natürlich mit dabei und hatten alle Hände voll zu tun, die philatelistische Besonderheit an Interessenten zu vergeben. Binnen kurzer Zeit waren 3.000 Poststempel samt Sonderpostkarte - eine Erfindung und Spende des Ehrensenators Dr. Friedemann Hengesbach - vergriffen. Das offizielle Auftaktprogramm der Paohlbürger sah dann noch einen Sektempfang für die geladene Prominenz im Druffelschen Hof vor, einen Auftritt der Weinkönigin vom Rhein und natürlich die (Frei-)Bierstände im Rathaus-Innenhof.

Als besondere Tennengerichtsangeklagte hatten sich die Narren, nach Johannes Rau und Hans-Dietrich Genscher, in dieser Session den westfälischen CDU-Vorsitzenden Dr. Kurt Biedenkopf und Münsters Bürgermeister Heinz Lichtenfeld vorgenommen. In Sichtweite des Spiekers wurden aus diesem Anlass zwei Heißluftballons gestartet, die - als phantasievoller Gag und Bezug zum Sonderpoststempel vom 11.11. - in diesem Fall nun PEBÜSO "Ballon-Post" beförderten, die mit einem eigens für diesen Zweck geschaffenen Luftpost-Stempel behandelt worden war.

Soziales Engagement und Brauchtumspflege - Bundesverdienstkreuz für Willy Eichel

Schon zu Anfang dieser Narren-Chronik wurde darauf hingewiesen, dass es neben dem karnevalistischen Treiben als Arbeitsschwerpunkt der Narrengarde ein zweites, ebenso gewichtiges und außergewöhnlich stark ausgeprägtes Aktions-Standbein der Gesellschaft gibt: das soziale Engagement. Schon Ende der 40er Jahre hatte Willy Eichel bekanntlich damit begonnen, vor Erholungssuchenden Müttern in Kurheimen aufzutreten und ein wenig für Zerstreuung und humorgewürzte Ablenkung vom Alltagsgrau zu sorgen. Monat für Monat zogen er und seine Musiker Kollegen in die Müttererholungsheime nach Münster-Wolbeck und später nach Bad Salzuflen und Bad Oeynhausen, und dies alles kostenlos, nur im Dienst von Freude und Frohsinn. Dieses sozial-karnevalistische Betätigungsfeld bestand auch noch weiter, lange nachdem Willy Eichel längst die Narrengarde Paohlbürger gegründet hatte und für die zahlreichen vereinsinternen Sozialveranstaltungen verantwortlich zeichnete. Zunächst in den münsterischen Lokalitäten, später im eigenen Spieker, boten die Paohlbürger unterhaltsame, vergnügliche Programme für Blinde, Kriegs- und Sportversehrte und die Senioren der Stadt Münster.

Über die Stadtgrenzen hinaus berühmt und populär geworden sind z. B. die großen Senioren-Nachmittage der Paohlbürger in der Halle Münsterland, bei denen unter dem Motto "An einem Tag im Mai" nicht selten über 4.000 betagte Bürger ein mitreißendes Wunschkonzert und ein Feuerwerk der guten Paohlbürger-Laune erleben konnten. Zu einer sozialen Institution während der Karnevalszeit ist u.a. auch die Gala-Prunksitzung für die Schwerbehinderten der Stadt geworden, wo den sozial schwachen und kranken Bürgern Jahr für Jahr kostenlos die Möglichkeit geboten wurde, einmal zünftigen Karneval mitzufeiern. Da diese großen Sozialveranstaltungen der Narrengarde in der Halle Münsterland (und später im eigenen Hof am Heumannsweg) jedes Mal eine immense finanzielle Belastung für den Verein bedeuteten (Hallenmiete, Kuchen- und Getränkekosten bis zu 25.000,00 DM), begann Willy Eichel frühzeitig damit, das ganze Jahr über mit diversen Einzelaktionen und Darbietungen für die sozialen Projekte des Vereins Geld hereinzuholen. Eine von zahlreichen Finanzierungsmöglichkeiten wurde schon im vorangegangenen Kapitel erwähnt: so versuchten sich die Paohlbürger bei den Corps-Feldlagern als Münz-Drucker und zweigten den Reinerlös für die sozialen Belange des Vereins ab. Eine andere und pfiffige Idee war die, durch die Produktion und den Verkauf von Schallplatten die finanzielle Basis für die laufenden Sozialveranstaltungen zu stärken. Damit waren auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: zum einen hatte Vörnster Baas Willy Eichel die Möglichkeit, nun "scheibchenweise" seine musikalischen Schöpfungen an ein breiteres Publikum zu tragen, und zum anderen waren 30 Prozent des Verkaufspreises als Finanzbeitrag für die Sozial-Gala und Seniorentag gedacht. Eichels erste Single-Platte trug die Titel "Mönster, du biss mine Stadt" und "Mein Münsterland-Lied" und zeigte einmal mehr, daß der Vörnste Baas nicht nur Karneval im Kopf hat, sondern sein Engagement auch und in besonderer Weise aus Verbundenheit mit seiner Heimatstadt betreibt. Nach über 9.000 verkauften Exemplaren folgte schon bald eine zweite Single-Platte mit dem wiederum ganz unkarnevalistischen und heimatverbundenen Titel "Münster, du bis wirklich eine Stadt mit Flair". Produziert von dem Paohlbürger-Senator Thomas Grohmann und getextet und komponiert von Willy Eichel, sorgten auch dieses Mal wieder die beiden verdienten Paohlbürger Fritz Herrmann und Paul Adass mit seinen "Jetstars" für Arrangement und Orchesterbegleitung.

Bei all dem unermüdlichen sozialen Engagement und der idealistisch geprägten Brauchtumspflege wurde dem Chef der Narrengarde dann im Frühjahr 1984 (endlich, möchte man sagen) eine Ehrung zuteil, die den großen persönlichen Einsatz von Willy Eichel entsprechend würdigte: auf Vorschlag des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau erhielt der Paohlbürger-Boss das Bundesverdienstkreuz am Bande. Für das herausragende beispiellose Bemühen um die Senioren und Behinderten der Stadt überreichte Oberbürgermeister Dr. Werner Pierchalla persönlich die Auszeichnung im Namen des Bundespräsidenten vor knapp fünfzig Repräsentanten des öffentlichen Lebens und der närrischen Szene in der Rüstkammer des Rathauses. Das Bundesverdienstkreuz bedeutete die bisher höchste Auszeichnung für Willy Eichel, der schon viele Ehrungen und Dankes-Gaben aus den Händen betreuter und befreundeter karnevalistischer wie sozialer Einrichtungen und Verbände erhalten hatte.

Vom Spieker zum Paohlbürgerhof

Mitte der achtziger Jahre gab es einen schmerzlichen Einschnitt im Paohlbürger-Dasein - der Spieker mußte aufgegeben werden, da ein neuer Eigentümer des Geländes nicht bereit war, das närrische Clubhaus zu den alten Pachtbedingungen weiterzuführen. Doch davon an späterer Stelle mehr. In diesem Jahr des "Umbruchs" und der Suche nach einem neuen würdigen Domizil fanden zwei herausragende Ereignisse statt, die vorweg ihren Platz in dieser Chronik beanspruchen: die Paohlbürger erhalten die Amtskette des ersten münsterischen Oberbürgermeisters und stellen zum zweiten Mal in ihrer Vereinsgeschichte den Karnevalsprinzen.

Die Von-Olfersche-Amtskette

Beim Tennengericht ’85 wurde es zur Überraschung der anwesenden Jecken bekannt gegeben: die Paohlbürger hatten die goldene Amtskette des ersten münsterischen Oberbürgermeisters Heinrich von Olfers geschenkt bekommen, quasi als Faustpfand für die Suche nach einem neuen Narrenhaus. Dass es in Münster gleich zwei Amtsketten gab, ist Johann Heinrich von Olfers zu verdanken, der am 23. Oktober 1850 zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Er erhielt damals vom preußischen König das Recht, eine goldene Amtskette zu tragen - die er freilich selbst bezahlen mußte. Der Bankier von Olfers ließ sich Ehre und Kette - wie einem alten Aktenvermerk zu entnehmen ist - seinerzeit immerhin 900 Taler kosten. Als ein Nachfolger, der Oberbürgermeister Caspar Offenberg, von König Friedrich Wilhelm IV. 1861 ebenfalls mit dem Ketten-Privileg ausgestattet wurde, beschlossen die Stadtverordneten, nunmehr auf Kosten der Stadt eine Amtskette anzuschaffen. Sie besteht aus massivem Dukatengold und wiegt 370 Gramm und ist heute noch in Amt und Würden und womöglich die einzige aus der Ära Friedrich Wilhelms IV., die überhaupt noch existiert. Die zweite Amtskette, die ja eigentlich die erste ist, gelangte durch Erbschaft in die Hände des Barons Josef Freiherr von Kerckerinck zur Borg, der sie einmal seiner Heimatstadt zum Kauf angeboten hatte. Aber der Preis - eine sechsstellige Summe - war der Stadt damals zu hoch, und auch ein Gebot des Stadtmuseums bzw. des Fördervereins erreichte nicht einmal die Hälfte des Kerkerinckschen Kurses.

Ganz unverhofft wurde die wertvolle Oberbürgermeisterkette nun erneut Gegenstand der Diskussion und Verhandlungen mit der Stadt: Josef Freiherr von Kerkerinck zur Borg hatte die Amtskette den Paohlbürgern vermacht, um ihnen gegenüber der Stadt ein wenig den Rücken zu stärken. Allerdings gab der adlige Spender und Paohlbürger-Ehrensenator die Auflage mit auf den Weg, daß die Oberbürgermeisterkette wenn überhaupt nur an die Stadt verkauft werden dürfte. Da der Narrenvorstand der Paohlbürger für den Aufbau des neuen Clubhauses in Gremmendorf noch viel Geld benötigte, dachte man zunächst laut darüber nach, das Olfersche Geschmeide für eine größere Summe zu verkaufen. Schließlich entschied man sich dafür, die Amtskette an das Stadtmuseum zu entleihen, um auch allen münsterischen Bürgern das erlesene Schmuckstück zeigen zu können.

Am 17. Mai 1985 wurde dann in Gegenwart des Oberbürgermeisters Dr. Jörg Twenhöven die 1. OB-Kette der Stadt Münster feierlich als Dauerleihgabe dem Stadtmuseum übergeben. Der Museumsleiter, Herr Galen, äußerte sich erfreut darüber, dieses wertvolle Stück nun in der Sammlung der Kostbarkeiten des Museums zeigen zu können. Hocherfreut war aber auch OB Twenhöfen, der, in Gegenwart des versammelten Vorstandes sowie des Ehrensenatspräsidiums und den Originalen der Narrengarde, die Kette umgehängt bekamt - ein Ereignis, das auch vom WDR-Fernsehen für das Aktuelle Schaufenster aufgezeichnet wurde.

Der Paohlbürger-Prinz der Session 85/86

Mit der anstehenden Spieker-Aufgabe standen die Mitglieder der Narrengarde Paohlbürger zwar schon bald vor dem Verlust eines festen Wohnsitzes, doch um so fester wurde gefeiert. Nach der feierlichen Übergabe der OB-Kette an das Stadtmuseum kürten die Paohlbürger zum Sessions-Beginn einen Mann aus ihren Reihen zum neuen Narrenoberhaupt für die anstehende "fünfte Jahreszeit". Als künftigen Prinzen hatte man sich nach dem Paohlbürger Exprinz Helmut Borowski , Friedrich Höhn "ausgeguckt", einen waschechten Bayern, der vor 30 Jahren nach Münster kam und irgendwann dann auch Paohlbürger wurde. Der Chef einer Firma für Schall-, Wärme- und Feuerschutz konnte natürlich auf die Unterstützung der Tollität Eveline hoffen und wurde zudem tatkräftig von den Adjudanten Fred Derendorf und Rolf Schröder durch die Karnevalssession begleitet. Als "Prinz Friedrich II." wurde er dann traditionsgemäß am 11.11. dem (noch amtierenden) Oberbürgermeister Dr. Jörg Twenhöven offiziell vorgestellt. In der Rüstkammer des Rathauses versuchte dann der neue Prinz seine ersten zaghaften Schritte auf dem Parkett des münsterischen Karnevals - ganz nach seinem Motto - Nicht lange fackeln - lasst Münsters Wände wackeln!" OB Twenhöven beglückwünschte Höhn zu der närrischen Regentschaft in spe und wünschte seinem "Nachfolger" eine "kurze, aber um so heftigere Session".

Zur offiziellen Prinzen-Proklamation wurde Friedrich II. in der Bürgerhalle des Rathauses durch Willi Honert, den Bürgerausschuß-Präsidenten, das über 100 Jahre alte Zepter überreicht, um nun vollständig ausgerüstet mit den majestätischen Insignien in die tollen Tage starten zu können. Wie über die gesamte Session hinweg, so begleiteten die Paohlbürger-Kollegen und Originale auch die Prinzen-Proklamation mit einem zünftigen Rahmen-Programm, bei dem u.a. der Vörnste Baas mit seinem neuesten Song "Helau Monasteria" für närrische Stimmung sorgte. Und wie schon in den Jahren zuvor, so bedeutete es auch für den Paohlbürger-Prinzen einen besonderen Höhepunkt, vom kirchlichen Oberhaupt im Bischöflichen Palais am Domplatz empfangen zu werden. Mit heiteren "Regierungsgrundsätzen aus der fürstbischöflichen Zeit" und humorvollen Sprüchen überraschte Bischof Dr. Lettmann die Narren und wurde dafür mit dem Paohlbürger-Sessionsorden ausgezeichnet und dem anschließenden "Mariechentanz" des "Bischöflichen Offizierscorps" der Paohlbürger geehrt.

Und noch ein letztes Narren-Spektakel in den Spieker-Wänden muß Erwähnung finden: das Tennengericht der Session ’86. Vor rund 200 hochkarätigen Persönlichkeiten, unter ihnen viele Ex-Angeklagte, war der Paohlbürger-Spieker in Roxel zum letzten Mal Schauplatz einer närrischen Gerichtsverhandlung der Spitzenklasse. Star-Angeklagte waren diesmal der NRW-Landesminister für Gesundheit, Arbeit und Soziales, Hermann Heinemann, genannt "Hermann von Moos und Maloche", und der damalige Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, Heinrich Windelen, mit dem Sondertitel "Heinrich von Hüben und Drüben". Beide wurden wegen des "fortgesetzten, gemeinschaftlichen Vergehens gegen das Gebot der Humorigkeit" vor den närrischen Kadi zitiert, als Beweismittel lag dem "Hohen Gericht" sogar u.a. ein Zeugnis des Zeugen und Ex-Angeklagten Johannes Rau vor. Oberbürgermeister Dr. Jörg Twenhöven, ebenfalls unter schwerer Anklage, mußte sich als "Junker Jörg von Dom und Rathaus" rechtfertigen, konnte sich aber ebenso bravourös verteidigen, bis das Gericht schließlich nichts mehr als "Prost" und "Freispruch" entgegensetzte.

Der Spieker muß geräumt werden

Die 8. Zivilkammer des Landgerichts in Münster hatte es so entschieden: nach zweijährigem Rechtsstreit mußten die Narren nun ihren Karnevalsspieker in Roxel bis spätestens zum 28. Februar 1986 räumen. Da das neue Domizil erst im Spätherbst ’86 bezugsfertig wurde, hieß das für die Paohlbürger, mit Ablauf der Session Hab und Gut und vor allem die Bestände des Karnevalsmuseums erst einmal in Scheunen und Übergangsquartieren "Zwischenzulagern". Anlaß für den Streit war der Bau eines "Windfangs" am Spieker, der dem neuen Grundstückseigentümer, Heinz Müller, über Münsters Grenzen hinaus bekannt für seine Kegeltouren, nicht gefiel. Müller erwirkte deshalb schon im Dezember ’83 eine einstweilige Verfügung, um so einen Weiterbau zu stoppen. Aller gerichtlicher Widerspruch der Karnevalisten gegen den Baustopp wurde zurückgewiesen, und auch die Aufforderung der Paohlbürger, Vergleichsgespräche aufzunehmen, wurde abgelehnt. Dabei sollte das Streitobjekt "Windfang" lediglich ein Schutz vor dem Wind sein, der wertvolle Wandmalereien im Eingangsbereich des Spiekers zu zerstören drohte. Ein weiterer Vorteil des Windfangs war, daß die Garderobe, die von der Karnevalsgesellschaft innerhalb des Museums als störend empfunden wurde, in diesen Anbau verlegt werden konnte. Auf ein Gutachten eines Architekten war dieser Bau erstellt worden, und sogar die notwendige Bauanzeige beim Bauordnungsamt erfolgte. Die Paohlbürger bauten weiter - und die fristlose Kündigung von Müllers Seite erfolgte prompt.

Alle Appelle, Attacken und Aufregungen, alle Bitten, Beschwörungen und Befangenheitsanträge, alle Vergleichs- und Versöhnungsversuche halfen nichts: die 8. Kammer des Landgerichts wies die Berufung der KG Paohlbürger zurück und bestätigte damit das Urteils des Amtsgerichts Münster, das den Narren aufgegeben hatte, den Spieker auf dem Grundstück Dingbänger Weg 386 geräumt an den Kläger herauszugeben - spätestens bis zum 28.02.1986. Die Versuche, einen flexiblen Auszug zu erwirken, um mit der gesamten Spieker-Ausrüstung nicht übers Jahr auf der "Straße" zu stehen, fruchteten bei Heinz Müller nichts - im Gegenteil, er drohte mit einer Räumungsklage bei Nichteinhaltung des festgesetzten Termins. Ganz unabhängig von diesen rechtlichen Auszugs-Querelen mußten dann auch noch beide Parteien über die Ablösesumme verhandeln, die der Eigentümer laut Pachtvertrag den Paohlbürger zu zahlen hatte. Für den Fall einer vorzeitigen Beendigung des Pachtverhältnisses hatten die Narren nämlich vorgebeugt und sollten vertraglich festgeschrieben zwei Drittel der beim Bau getätigten Aufwendungen ersetzt bekommen. Beide Parteien waren sich denn auch weitgehend einig, daß eine Entschädigung fällig sei - nur über deren Höhe gingen die Meinungen naturgemäß auseinander. Erst drei Wochen nach der offiziellen Einweihung des neuen Paohlbürgerhofes am Heumannsweg war das Kapitel "Spieker" für die Karnevalsgesellschaft endgültig abgeschlossen. Den Schlußpunkt setzte nämlich ein Vergleich vor der 15. Zivilkammer des münsterischen Landgerichtes, mit dem Ergebnis, daß der Touristik-Service Müller den Paohlbürgern für den Spieker eine Ablösesumme in Höhe von 265.000,00 DM zahlt. Und mit diesem Geld konnten die Karnevalisten sogleich den Kredit ablösen, den sie für den Ausbau des neuen Hofes aufgenommen hatten.

Das neue Narren-Domizil am Heumannsweg

Dass die Paohlbürger relativ schnell ein neues Clubhaus haben finden und beziehen können, ist zweifellos das besondere Verdienst des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Werner Pierchalla, der sich in einer seiner letzten Amtshandlungen dafür stark machte, daß die Paohlbürger den großen städtischen Bauernhof am Heumannsweg als "Neue Heimat" anstreben konnten. Auch der Liegenschaftsausschuß der Stadt stimmte der Vermietung des Hofes an die Karnevalsgesellschaft zu, allerdings war die Zustimmung an erhebliche Auflagen gebunden und nur vorbehaltlich dieser Auflagen erteilt worden. Zum einen wurden die Narren aufgefordert, die verkehrstechnischen Probleme zu lösen, um die Anwohner des Vierteils nicht durch Veranstaltungen zu belästigen. Als zweite Auflage mußten die Paohlbürger eine baurechtliche Genehmigung für ihr Vorhaben einholen; und mit dem Blick auf den Vorwurf der "Schwarzgastronomie" sollte die Narrengarde eine gastronomische Genehmigung beantragen, jedoch ohne eine öffentliche Wirtschaft zu betreiben. Ein weiterer Punkt betraf die Finanzierung des Paohlbürger- Projektes, wonach die Gesellschaft für Renovierungskosten keine Zuschüsse seitens der Stadt erhalten würde und zudem Miete zahlen müsse, und erst nachdem all diese Voraussetzungen erfüllt waren, stimmten Rat und Verwaltung dem Pachtvertrag zu.

Neben der Erfüllung der o. g. Pachtbedingungen gab es zudem noch ein weiteres kleines "Hindernis": schließlich wohnte in dem angestrebten Domizil noch der Landwirt Klein mit seiner Familie. Allein für den Ersatzhof für die Familie Klein am Heumannsweg 33 berappten die Paohlbürger rund 186.000,00 DM und investierten zahlreiche Arbeitswochen, bevor sie überhaupt ihr eigenes Projekt in Angriff nehmen konnten. Viele Besprechungen, Ortsbesichtigungen und Verhandlungen waren vorausgegangen, bis die Renovierungs- und Instandsetzungsarbeiten am neuen Spieker Heumannsweg 127 beginnen konnten. Mit einem Team von vereinseigenen Fachleuten und Helfern an seiner Seite ging der Vörnste Baas der Gesellschaft Willy Eichel voller Elan und Tatendrang ans Werk, wobei die preisgünstige oder kostenlose Beschaffung von Material ausschließlich seine Domäne war und heute noch ist - eine unübertroffene Begabung in dieser Disziplin.

Dass die Paohlbürger den liebgewonnenen Spieker nach nicht einmal 15 Jahren schon wieder verlassen mußten, sah Willy Eichel dann auch bald mit einem weinende und einem lachenden Auge: "Man kann den schönsten, maßgeschneiderten Anzug haben. Wenn er zu klein geworden ist, muss man ihn verkaufen oder in den Schrank hängen." Diese Alternative bestand beim Spieker zwar nicht, aber zu klein geworden war er ebenfalls. Denn bei der Spieker-Einweihung 1977, so der Vörnste Baas, hatte die Karnevalsgesellschaft 270 Mitglieder, während es im Jahre 1985 schon 750 waren. Hinzu kam, daß das Karnevalsmuseum im Dachgeschoss des Spiekers bei Festivitäten meist als Garderobe mitbenutzt wurde und für die zahlreichen Ausstellungsobjekte viel zu klein geworden war. Koffer voller Orden, Masken aus der allemanischen Fastnacht, viele Stiche und Zeichnungen und zehn karnevalistisch gekleidete Schaufensterpuppen mußte Willy Eichel deshalb schon notgedrungen in dunklen Kellern lagern. Mit dem Zwangsumzug vom Dingbänger- zum Heumannsweg bekam die Karnevalsgesellschaft nun ein Domizil, das gut viermal so groß war wie der alte Spieker in Altenroxel - mit einem Tennensaal, der gut 350 Personen fasst, einer Diele mit Herdfeuer, die für kleinere Gesellschaften gedacht ist, und einer kleinen Wohnung, in der ein "Kastellan" untergebracht werden kann. Das Museum sollte wiederum auf dem Dachboden eingerichtet werden, nur fünfmal größer und diesmal unter sachkundiger Mithilfe des Stadtmuseums und eines wissenschaftlichen Mitarbeiters.

Dank des immensen Arbeitseinsatzes der Paohlbürger-Akteure präsentierte sich schon nach knapp sechswöchiger Bauzeit der ehemals "verluderte Hof (Eichel) in neuem Gewand. Viele Dutzend Helfer und Fachfirmen ,Kunden der Firma Pebüso -Betonwerke Heribert Büscher  vollbrachten das "kleine Wunder" (so ein MZ-Bericht), bei dem zuvor selbst kühnste Optimisten skeptisch abwinkten. Am Ostersonntag ’86 wurde erstmals im Rahmen eines Tages der offenen Tür das neue Narren-Domizil am Heumannsweg in Gremmendorf vorgestellt. Die Grundsubstanz des Jahrhunderte alten Gemäuers mit urigem Kamin, schmucker Wendeltreppe und wuchtigen Eichenbalken war weitestgehend erhalten worden; tonnenweise hatten die Paohlbürger Schutt abgefahren, Wände restauriert und umgebaut, bis der erste Bauabschnitt mit Raum für 120 Personen fertiggestellt war. Bis zum 11.11.1986 wollte man nun das gesamte Bauvorhaben abschließen; dabei sollte der große Tennenraum ausgestaltet und Deutschlands größtes und Westfalens erstes Museum dieser Art untergebracht werden. Um den Hof herum sollte zudem in Zusammenarbeit mit dem Gartenbauamt eine parkähnliche Grünanlage mit Feuchtbiotop,von der Firma Karl Benning, mit Obstbäumen und Ruhebänken auf 5.000 Quadratmetern erstellt.

Und all dies geschah auch. Glich das Gelände am Heumannsweg seit Aschermittwoch ’86 auch einer chaotischen Großbaustelle - mit Beginn der neuen Karnevalssession war das selbst gesteckte Ziel, die Eröffnung des neuen Paohlbürgerhofes, erreicht. Dank der großartigen Unterstützung von Firmen, Banken und Mitgliedern, vom Büttredner bis zum Corps-Offizier, und aufgrund erheblicher Eigenmittel und des "Aktien"-Kapitals hatten sich die Paohlbürger hundertprozentig verbessern können gegenüber dem alten Spieker. Und planungsgerecht zum 18. November konnte dann der neue närrische Hof durch den ranghöchsten Ehrensenator der Gesellschaft, Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher höchstpersönlich, eingeweiht werden.

Der Paohlbürgerhof

Tennengericht und Prunksitzung im 33. Jahr

Raus aus dem alten Spieker und hinein in den neu renovierten Paohlbürgerhof - das närrische Treiben der Narrengarde ging, jetzt rein programmäßig gesehen, nonstop weiter. Zwangsräumung, zähe Verhandlungen über die Pachtbedingungen oder die Umzugs- und Aufbauleistungen und Mühen blieben zumindest den Außenstehenden zum Großteil verborgen, und nur die karnevalistischen Glanzlichter und Darbietungen zeugten von der uneingeschränkten närrischen Präsenz und Schlagkraft der Paohlbürger. Die Ereignisse überschlugen sich mal wieder: kaum hatte man sich an den Gedanken gewöhnt, den alten Spieker verlassen zu müssen, stand auch schon der 33. Geburtstag der Paohlbürger ins Haus und verlangte, als närrisch rundes Ereignis (3 x 11) gebührend gefeiert zu werden.

Mit dem Tennengericht und der Gala-Prunksitzung der Session 86/87 setzten die Paohlbürger allen Querelen zum Trotz dann auch wieder Meilensteine in der münsterischen Karnevalsgeschichte und -Praxis. Keine geringeren Polit-Stars als den SPD-Parteivorsitzenden Hans-Jochen Vogel und den CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hatten die Narren um Willy Eichel und mit Jürgen Möllemann für den Ehrensenats dieses Mal für das traditionelle Tennengericht "engagieren" können. In dem um 100 Prozent größeren Paohlbürgerhof konnten aus diesem Anlaß auch gleich 200 Freunde der Narretei das humorige Justiz-Spektakel miterleben. Neben Hans-Jochen Vogel und Heiner Geißler ergänzten Handwerkskammer-Präsident Paul Schnittker und SPD-MdB Michael Catenhusen das hochkarätige Quartett der Hauptangeklagten. Ein wahres Mammutprogramm hatte das Gericht unter den beiden Tennen-Richtern Norbert Zellerhoff und Willy Eichel im Paohlbürgerhof zu bewältigen, galt es doch noch vor der eigentlichen Hauptverhandlung vier Verfahren gegen Ex-Prinz Friedrich Höhn, Eberhard Forck, Dr. Otto Weber und Otto Kuna wegen hochnotpeinlicher närrischer Vergehen einzuleiten.

Schließlich wurden die "Schwerverbrecher" Geißler und Vogel in Handschellen vorgeführt und durch Staatsanwalt und Ehrensenator Jürgen Möllemann der schlimmsten Delikte angeklagt. Als Richter Zellerhoff jedoch einlenkte, mit der Bemerkung, daß das Rotkehlchen doch das beliebteste Tierchen in der Bundesrepublik sei, war allein dies schon ein Grund, den Beschuldigten Vogel freizusprechen - doch der SPD-Politiker bat zum Erstaunen der anwesenden Jecken um das Gegenteil, er wollte nämlich wegen des famosen Richters Zellerhoff, der ihm offensichtlich ans Herz gewachsen war, gleich im nächsten Jahr erneut vor den närrischen Kadi zitiert werden (und Hans-Jochen Vogel hielt Wort und kam ’88 zum zweiten Mal mit großer Freude zum Paohlbürger-Tennengericht angereist). Freispruch gab es selbstverständlich auch für Heiner Geißler, der mit der pfiffigen Ausrede "davonkam", er habe zum Frühstück einen schwer verdauliche Sozialdemokraten der Sorte "Melonen-Sozialist" verspeist (innen rot und außen grün), der ihm noch schwer im Magen läge. Zur trauten Partei-Familie geeint, standen letztlich alle gemeinsam zusammen und durften sich fortan Ehrensenatoren der KG Paohlbürger nennen. In der darauffolgenden Session gelang den Paohlbürgern, eine vergnügliche Mischung aus Sport und Politik auf die Anklagebank zu holen: beim Tennengericht ’88 mußten sich Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher und der Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle verantworten.

Eine weitere närrische Super-Geburtstags-Show wurde die sechsstündige Gala-Prunksitzung in der Halle Münsterland, die gut 800 münsterische Karnevalsfreunde in Stimmung brachte. Zum 33jährigen Jubiläum bot die Narrengarde im Kongreßsaal ein glanzvolles Festival der Spitzenakteure des westfälischen Karneval. Auf jeden Fall zu nennen ist an dieser Stelle der verdiente Paohlbürger Heinz Eissing, der mit seinem "Biermarsch" zum Auftakt den Saal "aufheizte" und seit gut 35 Jahren auf der Bühne aktiv dabei ist. Natürlich durfte auch das wunderbare Gespann "Kiepenkerl" und "Landois" nicht fehlen; Herbert Brüggemann ist ebenso wie der Rinkeroder Uhrmacher Heinrich Gremm längst ein Begriff für plattdeutschen Humor des Münsterlandes geworden. Pitt Dräger strapazierte rund 20 Minuten die Lachmuskulatur und gab zu, als cleverer Verkäufer sogar dem Paohlbürger-Feldgeistlichen Domkapitular Walter Böcker ein Doppelbett verkauft zu haben. Aus der Samt- und Seidenstadt eilte mit 75 Mann (und Frauen) die Prinzengarde Krefeld trotz Glatteis nach Münster und durfte erst nach Zugaben und dem "Tanz der Artillerie" von der Bühne.

Paohlbürger-Mitbegründer Norbert Zellerhoff stand mit einem "Karnevalistischen Dialog" in der Bütt und Universalstar Eddy Bötsch präsentierte seinen zugabestarken "Kalinka"-Hit. Besonderer Höhepunkt des Abends bedeutete die Verleihung des Sonderordens des Ehrensenats: aus der Hand des Ehrensenatspräsidenten erhielten in diesem Jahr "Kiepenkerl" Herbert Brüggemann und Oberbürgermeister Dr. Jörg Twenhöven, der den Paohlbürgern sogleich einen Spitzenkarnevals bescheinigte und sie für das "unvergleichlich schöne Museum der Narretei" und das Engagement auf sozialem Sektor besonders lobte - hatten doch noch am Tag zuvor, am gleichen Ort, mehr als 1000 behinderte Mitbürger der Stadt begeistert die "Generalprobe" der Super-Jubiläums-Sitzung miterlebt.

Fischessen, Senatstaufe und Corps-Leben

Dass die Herren Ehrensenatoren sich nicht nur vor dem Tennengericht verantworten müssen, sondern sich darüber hinaus auch mit zahlreichen kurzweiligen Veranstaltungen übers Jahr zu vergnügen wissen, davon zeugt der prall gefüllte Kalender der Narrengarde. Herausragendes Ereignis und Fest des Ehrensenats stellt dabei zweifellos das zur Tradition gewordene "Fischessen" dar. Schon im Herbst ’86 wurden erstmals im neuen Paohlbürgerhof die närrischen Fischliebhaber zu lukullischen Meeresgenüssen geladen. Vom Aal bis zur Sprotte erstreckte sich die reichhaltige Palette an Fischspezialitäten, mit der Dr. Friedemann Hengesbach, Vizepräsident des Ehrensenats, seinen Gästen aufwartete. Wie schon in den Jahren zuvor ließ der Ehrensenats-Vize es sich auch in dieser Session nicht nehmen, die gesamte Ehrensenatsmannschaft und den Vorstand der Paohlbürger beim "Fischermahl" aus eigener Tasche zu bewirten. Leider viel zu früh verstarb Friedemann Hengesbach im Frühjahr ’87 - doch die von ihm gestiftete Fischermahl-Idee lebte weiter und wurde sogar noch verfeinert. Beim Fischessen der Session ’87 gab es als besonderen "Leckerbissen" die Travestie-Gruppe "Madame Gigi" zu sehen, die für vergnügliche Stunden nach Lachs und Bier sorgte.

Doch nicht nur die Ehrensenatoren der Narrengarde verstehen es zu feiern: der Senat der Gesellschaft, das "Rückgrat" des Vereins (Willy Eichel), hat natürlich ebenso seine diversen Festivitäten und geselligen Abende im Paohlbürgerhof am Heumannsweg. Als das neue Narrendomizil im Herbst ’86 gerade frisch renoviert war, veranstaltete der Senat erst einmal einen zünftigen Ball. Der Schwerpunkt dieses Abends lag entwicklungsgemäß in der Ehrung verdienter Akteure, Sponsoren und Freunde, die mitgeholfen haben, das schöne neue Clubhaus in nur neunmonatiger Bauzeit zum Stolz aller Paohlbürger herzurichten. Im Rahmen des festlichen Senatsballs erhielten die Narren ihren verdienten Lohn in Form von Verdienstnadeln, Goldorden und Blumengebinden für die Damen. Ganz besonderer Dank ging an den Ex-Oberbürgermeister Dr. Werner Pierchalla, der schnell und unbürokratisch gehandelt hatte, als die Paohlbürger aus ihrem geliebten Spieker in Roxel ausziehen mußten und auf der Suche nach einem neuen Vereinshaus waren. 65 Mitglieder erhielten die höchste Auszeichnung, den Orden der Gesellschaft in Gold, 33mal gab es Silber und 43 Paohlbürger-Narren trugen von nun an den Bronze-Orden. Eine Laudatio auf Willy Eichel hielt schließlich der der Ex OB Dr. Werner Pierchalla dem Vörnsten Baas und Baumeester des Hofes

Auch in den Jahren darauf gab es zünftige Ehrensenats- und Senatsabende mit Ehrungen für aktive Narren und mitreißenden Programmeinlagen vor vollem Haus. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang natürlich die populäre Senatstaufe, wobei sich die Senatsanwärter zahlreichen tückischen Tests unterziehen müssen. Erinnert sei z. B. an den "super unmodernen Fünfkrampf" nach Paohlbürgerart im Frühjahr ’88, als u.a. der Junior des Paohlbürger-Baas, Thomas Eichel, erfolgreich und zum Gaudi der Anwesenden den "westfälischen Wasserspielen" trotzte und schließlich zu Senats-Würden gelangte (s. Pressebericht). Auch eine weitere närrische Einrichtung der Paohlbürger sollte nicht unerwähnt bleiben: das 1. Bischöflich-Münstersche Offiziers-Corps. Nach einiger Zeit des Pausierens hatte Generalfeldtüchmeester Willi Lutz es geschafft, das Corps in Rekordzeit zu reaktivieren und zu einer 70 Mann starken Truppe im münsterischen Karneval zu machen. Zusammen mit dem Spielmannszug "Heilig Geist" und einer eigenen Kindergruppe absolvierten die "Humor"-Soldaten allein in der Session 86/87 schon rund 30 Auftritte. Nach langer Zeit stand zum Narrenauftakt ’87 erstmals wieder ein Regimentsappell des Offizierskorps auf dem Programm, bei dem es reichlich Orden und Beförderungen gab für die aktiven Soldaten. Aus den Händen von Willi Lutz erhielt der kommandierende General und Vörnste Baas der Gesellschaft, Willy Eichel, ein als Baudenkmal gedachtes Betonstück mit Widmung, als Auszeichnung und Erinnerung an seine besonderen Leistungen beim Aufbau des Paohlbürgerhofes. Corps und Tanzmariechen hatten anschließend Gelegenheit, etwas von ihren Tanzkünsten zu zeigen und mit den Freunden der "fünften Jahreszeit" bis in die frühen Morgenstunden zu feiern. Neben Corps-Appell und Sessions-Auftritten wußten die Paohlbürger-Offiziere auch in karnevalsfreier Zeit corpsmäßig zu leben, an dieser Stelle sei nur an die populären Feldlager rund um den Paohlbürgerhof erinnert.

Westfälischer Abend und Preußen-Partys

Unter dem plattdeutschen Motto "Et gait nix üöver Gemötlichkeit" veranstalteten die Paohlbürger ja schon zu Spieker-Zeiten deftig westfälische Abende. Nun in der gediegenen rustikalen Atmosphäre der Kamin-Räumlichkeiten im neuen Hof erstrahlten sie zu neuem Glanz und wurden zu attraktiven Glanzlichtern des Paohlbürger-Lebens: die Westfälischen Abende. Mitinitiator und einer der Sponsoren dieser Veranstaltung ist der verdiente Paohlbürger-Ehrensenator Lothar Klode, der gemeinsam mit dem Germania-Chef Egbert Preußner Jahr für Jahr Ehrensenatoren, Freunde und Gönner der Gesellschaft einlädt. Dipl.Ing. Lothar Klode war es auch, der sich als Leiter der münsterischen Zweigniederlassung der STRABAB BAU AG maßgeblich an den Renovierungsarbeiten des Paohlbürgerhofes beteiligte und die wichtigen Basisarbeiten für den Bau des neuen Narren-Domizils veranlasste. Ziel des ersten westfälischen Abends im neuen Hof war es u.a., den geladenen Gästen das neue Paohlbürger-Flair rüberzubringen und einen Vorgeschmack zu liefern für heitere und kameradschaftliche Veranstaltungen in behaglicher Runde. Gleich zu Beginn des besagten Abends verpaßte Klode dem Vörnsten Baas Willy Eichel einen Original-Bauhelm mit der Aufschrift "Boss", damit auch jeder fortan wisse, daß Eichel nicht nur der Chef der Paohlbürger ist, sondern auch an der "Großbaustelle Heumannsweg" eine tragende Rolle spiele. Nicht ohne Stolz konnte Eichel sodann von den stattgefundenen und noch ausstehenden Baumaßnahmen berichten und dabei auch seine spritzige Überredungskunst zum Besten geben, die ihm schon so manches Mal zu "kostenneutralem" Baumaterial und sonstigen notwendigen Arbeiten verholfen hatte.

Preußen und Paohlbürger

Zumindest für die KG Paohlbürger steht fest, daß ihr Herz nicht nur für den Karneval schlägt, sondern ebenso heftig für den Fußball. Schon an anderer Stelle wurde von dieser herzlichen Verbindung der Karnevalisten und Sportler gesprochen, und so ist es fast selbstverständlich, daß die alljährlich anstehenden Festivitäten der Alt-Herren-Abteilung des SC Preußen gemeinsam mit den Karnevalsfreunden im Paohlbürgerhof stattfinden. Dazu gehört z. B. das P & P Schützenfest, das im Herbst ’87 auf zehn Jahre Kooperation der Paohlbürger und Preußen blicken konnte. Im Mai ’88 wurde dann beim traditionellen P&P-Eisbeinessen dieses Jubiläum würdig im Paohlbürgerhof gefeiert. Angefangen hatte alles vor zehn Jahren, als man bei einem Vergleich der Mitgliedskarteien beider Vereine feststellte, daß viele Namen doppelt auftauchten: die Hälfte aller Preußen-Mitglieder waren zugleich Paohlbürger, 30 Prozent aller KG’ler waren auch im SC. Was lag näher, als die Kontakte zwischen Narren und Kickern auszubauen und gemeinsame Veranstaltungen zu arrangieren. Angesichts der Tatsache, daß der Anteil an Doppel-Mitgliedern in Sportclub und Karnevalsgesellschaft inzwischen über der 60-Prozent-Marke liegt, konnte Willy Eichel zurecht darauf hinweisen, daß Sport und Humor in Münster auf jeden Fall zusammengehören.

Soziales und Seniorentage

Nicht nur Karneval für Karnevalisten, sondern närrische Stunden zu bereiten für Bedürftige, Behinderte und Senioren der Stadt - dies hatte die Narrengarde von Beginn ihrer Gründung an auf ihre Fahnen geschrieben. Willy Eichel hatte seit Ende des 2. Weltkrieges die Unterhaltungsnachmittage in Müttererholungsheimen organisiert. Die 1954 gegründete Narrengarde trat schließlich regelmäßig zur Karnevalssession im städtischen Altenheim Klarastift auf und veranstaltete großartige Galaprunksitzungen für Schwerbehinderte in der Halle Münsterland. Daneben fanden zur Zeit des Spiekers jede Menge Veranstaltungen der verschiedensten sozialen Einrichtungen in dem närrischen Clubhaus statt. Teilnehmer wie Veranstalter im Paohlbürger-Spieker waren z. B. der Reichsbund, die Versehrtensportgemeinschaft, der Blindenverein, die Rheumaliga oder der Bund der Kriegsopfer, die immer mit der Unterstützung der Karnevalisten rechnen konnten, sei es bei der Gestaltung eines Unterhaltungsprogrammes oder der Planung und Organisation. Für die vielen zahllosen Einsätze und Stunden im Dienste der alten, kranken und sozial benachteiligten Menschen erhielten die Paohlbürger und nicht zuletzt Willy Eichel immer wieder Dankesschreiben und ehrenvolle Auszeichnungen.

Eine Sozialveranstaltung der Paohlbürger avancierte dabei zum wahren Publikumsrenner: der Seniorennachmittag im Mai. Zunächst als einmaliges Wunschkonzert für die älteren Menschen geplant, mußte sie - des großen Erfolges wegen - Jahr für Jahr von den Paohlbürger wiederholt werden. Jedes Mal war der Kongreßsaal der Halle Münsterland bis auf den letzten Platz ausgebucht, und jedes Jahr "An einem Tag im Mai" luden die Paohlbürger auf Vereinskosten (!) zu Kaffee, Kuchen und einem bunten Unterhaltungsprogramm ein. Jetzt, wo man dieses große Vereinshaus am Heumannsweg hatte, realisierte die Narrengarde eine Idee, die schon lange im Hinterkopf des Vörnsten Baas geschlummert hatte: man verlegte das Seniorenwunschkonzert in die eigenen vier Wände. Natürlich waren die räumlichen Gegebenheiten im Paohlbürgerhof etwas kleiner, dafür aber auch um so gemütlicher, und hatte man bisher nur eine Großveranstaltung im Kongreßsaal durchgeführt, so luden die Karnevalisten die Senioren ab 1987 gleich mehrmals in den Paohlbürgerhof ein. Und waren es im ersten Hof-Jahr "lediglich" drei "Mai-Tage", so mußten die Paohlbürger im darauffolgenden Jahr gleich an vier Tagen im Mai den Hof als Wunschkonzert-Saal herrichten, so stark war das Interesse und der Andrang seitens der münsterschen Senioren.

Bei dem bunten musikalischen Unterhaltungsprogramm durften natürlich die münsterschen Originale Kiepenkerl (alias Herbert Brüggemann) und Professor Landois (alias Heinrich Gremm) nicht fehlen. Für Schwung sorgte unermüdlich wie in so vielen Jahren zuvor das "Jet-Star" Orchester vom Luftwaffenmusikkorps 3 unter der Leitung von Stabsfeldwebel Paul Adass. Die jährlichen von Willy Eichel Ottomar Fabry, Hans Schweifer und Joschi Bragulla  hervorragend organisierten Seniorentage stehen ganz im Zeichen der Musik. Annemarie Adass, Heinz Eissing, Christel Schanze, Charly Schuller, Ferdi Zellerhoff und last not least Willy Eichel selbst griffen einmal nicht auf ihr karnevalistisches Repertoire zurück, sondern sangen "Ohrwürmer" aus vergangenen Tagen. Ein herzlicher Abschluß dieser beschwingten und erinnerungsreichen Nachmittage in westfälisch gediegener Atmosphäre bildete dann oft noch ein Blumengruß für jeden Besucher - eine Spende des Ehrensenators , Im & Export Blumengroßhändlers Harry Gooyer.

Das Karnevalsmuseum

Anfang der 70er Jahre als Kind des Vörnsten Baas Willy Eichel geboren, hatte es im Spieker in Altenroxel schon erste Blüten getrieben: das 1. Westfälische Karnevalsmuseum. Jetzt, im neuen Hof am Heumannsweg untergebracht, hatte man für die närrischen Objekte fast das Fünffache an Ausstellungsplatz gewonnen, und das war auch notwendig geworden. Das alte Spieker-Museum platzte aus allen Nähten, und gar zu viele interessante Stücke hatte man aus Platzgründen in Kellern oder auf Dachböden verstauen müssen. Nun endlich hatte man Raum genug, um alles präsentieren zu können, was mit Karneval, Fasching oder Fastnacht zu tun hat. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme holten sich die Paohlbürger den Pädagogen Norbert Hinzke ins Haus bzw. in das Museum, dessen Aufgabe es nun war, aus der reichhaltigen Sammlung eine wissenschaftlich aufgearbeitete und attraktive Ausstellung zu erarbeiten. In der Folgezeit wurden zwei Fachabteilungen zum westfälischen und rheinischen Karneval eingerichtet, die, mit zahlreichen Schaukästen und Vitrinen versehen, wohlgeordnet närrische Gesellschaften und deren Entwicklungsgeschichte, fastnachtliches Brauchtum in alter Zeit und heutige Karnevalspraxis dokumentierten. Mit Hilfe des wissenschaftlichen Mitarbeiters konnte sodann ein ansprechender Faltprospekt herausgegeben werden, der Besuchern und Touristen den Weg zum und durch das Museum weist. 

 Dank der gespendeten Vollglas-Sichtvirtrinen des Ehrensenators Erich Weisshaupt Geschäftsführer der Fa. Horten und der vielen närrischen Gaben von befreundeten Karnevalsgesellschaften aus Köln, Mainz, Bingen und Krefeld sowie Münster konnte das Karnevalsmuseum nach und nach vervollständigt werden. Auch der zunächst etwas angeschlagene Beistand seitens der münsterschen Karnevalsgesellschaften wechselte schon bald in wohlwollendes Entgegenkommen angesichts des gewaltigen musealen Engagements. Die Zahl der Museumsbesucher, die nicht nur zur Karnevalszeit einen Blick in das närrische Innenleben des Paohlbürgerhofes werfen wollten, überschritt allein im ersten Hofjahr die Grenze von 22.000 Personen. Nach gut einjähriger wissenschaftlich-praktischer Aufbauarbeit war es dann soweit: das 1. Westfälische Karnevalsmuseum war "feddig upbaut", wie der Westfale sagt, und wartete auf die offizielle Einweihung. Und was Vize-Kanzler Hans-Dietrich Genscher für den gesamten Paohlbürgerhof getan hatte, verwirklichten für das Museum Ende August ’88 der NRW-Sozialminister und Paohlbürger-Ehrensenator Hermann Heinemann.

Narren, Freunde und Sponsoren

Als gemeinnütziger Verein mit großem sozialen Engagement war die Narrengarde schon immer auf die Spendierfreudigkeit und Unterstützungsbereitschaft von "Sympathisanten" und befreundeten Firmen und Geschäftsleuten angewiesen. Die Gesellschaft wollte ganz bewußt unabhängig sein von städtischen Zuschüssen und etwaigen Landesmitteln und setzte von Anfang an allein auf wirtschaftliche und finanzielle Autonomie. Zwar gab es immer einen regelmäßigen - mal größeren, mal kleineren - Fluß an Mitgliedsbeiträgen, doch dieses allein hätten niemals einen "Spieker" oder etwa den millionenschweren Paohlbürgerhof entstehen lassen können. Getränke für die Sozialveranstaltungen, Kaffee und Kuchen für die Seniorentage, die laufenden (und Neben-)Kosten für Spieker und später den Paohlbürgerhof, ganz zu schweigen von den benötigten Baustoffen und Arbeitsmaterialien, all dies und vieles mehr wollte organisiert und erwirtschaftet sein und das noch möglichst kostenneutral. Dass dies auch alles klappte und daß die anvisierten Projekte der Narrengarde auch immer wieder finanziell und materiell aufgefangen werden konnten, dies ist sicherlich das eindeutige Verdienst des Vörnsten Baas der Gesellschaft Willy Eichel. Sein Verhandlungsgeschick und sein Talent, die Menschen für eine Sache zu begeistern, haben oft genug zum Erfolg geführt und dazu, dem Verein so manche Mark zu ersparen. Vollblut-Paohlbürger Willy Eichel, den Ex-Oberbürgermeister Dr. Werner Pierchalla liebevoll "den größten Schnorrer neben Theo Breider" betitelte, gebührt sicherlich ein Sonderplatz unter den verdienten Narren und Förderern des Vereins, der im unermüdlichen Einsatz Leben und Schaffenskraft ganz in den Dienst der Karnevalsgesellschaft gestellt hat.

Wenn es darum geht, langjährige und hilfsbereite Freunde und Gönner der KG Paohlbürger aufzuzählen, so wird die Liste verdienter Narren entsprechend lang ausfallen. Eine große Ehrentafel an der Stirnseite des Tennensaales im Paohlbürgerhof gibt z. B. darüber Auskunft, wer im einzelnen an der großartigen Aufbauleistung des Hofes am Heumannsweg mitgewirkt hat. Die vielen Namen derer, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten seit der Gründung der Narrengarde aktiv unterstützend als Akteure, Senatoren oder Ehrensenatoren dabei waren, können aus verständlichen Gründen nicht alle erwähnt werden. Ihnen allen jedoch gilt der Dank des Vereins. Ein besonderes Dankeschön muß allerdings an diejenigen gerichtet werden, ohne deren Unterstützung und Wohlwollen die KG Paohlbürger sicherlich nicht da wäre, wo sie heute steht. Zu nennen sind hier die Paohlbürger-Freunde Dr. Werner Pierchalla, Ferdi Schade, Egbert Preußners, Heribert Büscher,Hans Schweifer,Paul Bröskamp, Heinrich Hollenhorst, Bernd Schulze-Wilmert, Landesdir.Walter Hoffmann, Regierungspräsident Erwin Schleberger ,Karl und Josef Benning, Manfred Klotsch fin,Lothar Klode,Willy Buller, Georg und  Hedi Möhle, Otto Kuna ,Theo Beisenkötter,Claus Dietrich Nacken,Egbert Möcklinghoff.

Ohne die Mithilfe des Ex-Oberbürgermeisters Dr. Pierchalla bei der Domizilsuche stünde der Paohlbürgerhof nicht, und ohne die stetige finanzielle Rückendeckung durch den Vorstands-Vorsitzenden der Stadtsparkasse Münster, Ferdinand Schade, sowie die PEBÜSO - Betonwerke- Heribert Büscher und und nur die vielfältige Unterstützung (Bestuhlung, Theke, Freibier) seitens des Chefs der Germania Brauerei, Egbert Preußner, ermöglichte den Narren der KG Paohlbürger eine "artgerechte" Session. Ihnen gilt der ganz besondere Dank der Paohlbürger.

Karneval 2000 - ein kurzer Ausblick

Mit der Karnvalssession 88/89 wurde die Karnevalsgesellschaft Paohlbürger 35 Jahre alt, kein runder und auch kein närrischer Glückszahl-Geburtstag, doch ein Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz und den Ausblick auf das nicht mehr ferne Jahr 2000. Aus den Männern der Bütt des Jahres 1954 und der ehemals jüngsten närrischen Vereinigung ist heute die mitgliederstärkste und renommierteste Karnevalsgesellschaft Münsters und auch Westfalens geworden. Karneval in Münster ohne die Paohlbürger wäre nicht mehr vorstellbar, und ebenso die populären Sozialveranstaltungen der Narren um Willy Eichel - auch und besonders außerhalb der "fünften Jahreszeit" sind zu einer Institution geworden. Ähnliches gilt für die lebendige Brauchtumspflege und das einmalige Karnevalsmuseum der Paohlbürger, womit sie sich gleichsam zu einem Juwel in der kulturellen Landschaft entwickelten. Doch neben aller Traditions- und Heimatverbundenheit schauen die Paohlbürger-Jecken auch nach vorn: als erste Karnevalsgesellschaft Münsters machten sie sich den BtX-Computer der Commerzbank zunutze, um der interessierten Bevölkerung per Knopfdruck ihr Veranstaltungsprogramm en bloc auf den Bildschirm zu bringen oder auszudrucken. Doch auch mit Blick auf die Karnevalskollegen ist einiges im Gange: die Creme de la Creme der münsterschen Karnevalsszene, 25 von insgesamt 28 Karnevalsgesellschaften, fanden sich im November ’87 im Paohlbürgerhof zu einer gemeinsamen karnevalistischen Gipfelsitzung zusammen, um in Zusammenarbeit für die Session zu planen und dem Karneval die Resonanz weit über Münsters Grenzen hinaus wiederzugeben, die er ehemals hatte.

                         

     Elferrat und Garde der Paohlbürger als Originale der Stadt Münster bis zum Jahre 1995 aufgebaut       nach einer Idee des vörsten Baas und Vereinsgründers Willy Eichel.Und nocheinmal ein Poststempel 40 Jahre bleibende Erinnerung das gabs nur einmal das gibt´s nie wieder,das macht uns keine Gesellschaft nach

 

 

Norbert Hinzke

                                                                                Nachtrag  

 

 

   Die Versammlungslokale der Paohlbürger

 

Mit der Gründung der KG Paohlbürger im Jahre 1954 fanden die ersten Veranstaltungen im Reichshof bei dem Vereinswirt und Eigentümer A. König statt. Nachdem der Verein im Jahre1955 in das Vereinsregister des Amtsgerichtes Münster eingetragen wurde und der starke Zustrom der Mitglieder und Akteure weiter anhielt, wurde von den Aktiven festgelegt, bei Versammlungen die Gaststätten im Stadtkern bevorzugt zu belegen.

Hier zählten die Gaststätten Biedermeier, Stickenkästchen, Fürstenhof, Wuortelpott und Engelenschanze zu den bevorzugten Lokalen. Es zeigte sich, dass diese Entscheidung mehr als richtig war.

Hier waren unsere Mitglieder zu Hause. Ganz davon abgesehen hatten wir in den Wirten Mitglieder, die auch für uns hervorragend  die Werbetrommel rührten. Die ersten prominenten Mitglieder konnte ich in der Gaststätte „Engelenschanze“ bei meinem Freund Heinz Meile gewinnen. Meile hatte als ehemaliger Flieger zu der Zeit wohl den prominentesten Stammtisch Münsters. Als hochdekorierte Flieger waren so bekannte Fliegerasse wie Hermann Hogeback, Ferdy Stolle, Heinz Düsterberg, Bernd Schulze Wilmert, Willy Hänscheid, Peter Hovestadt, Hansi Eckenpöler, Prof. Dr. Ala Koch und viele mehr. Hier lernte ich auch über Hermann Hogeback ,Adolf Galland kennen, der später mit Georg Möhle und all den anderen , Ehrensenatoren  unserer Gesellschaft wurden. Ehrensenatoren, auf die ich sehr stolz war.

Hier kam ich auch mit dem Stammtisch der neuen Künstlergemeinschaft „Schanze“ in Verbindung die den ersten Rosenmontagswagen erstellte.  In diese Zeit fiel auch meine Begegnung mit dem Zahnarzt Dr. Peters aus Wolbeck, der den Heimatverein führte. „Pewo“, wie er genannt wurde, sammelte an diesen guten Stammtischen mit dem Erzählen von Witzen Geld, um damit das von Ihm geplante Ziegenbockdenkmal in Wolbeck zu finanzieren.

Er hatte seinerzeit das Gespräch mit mir gesucht zwecks Mitgliedschaft bei den Paohlbürgern, um mit dem damaligen Original und Ehrenmitglied der Gesellschaft „Baron von Renesse“, dem „Ziegenbaron“, wie er genannt wurde, in Kontakt zu kommen. „Baron von Renesse“ war bis zum Kriegsbeginn 1939 Vorsitzender im Ziegenzuchtverein Münster, der seine Versammlungen auf unserem Saal in der „Sängerklause Lepper`s in Hals – Brauhaus Eichel“ abhielt.

Als das letzte noch lebende Original Münster`s war seine Ehrenmitgliedschaft für uns selbstverständlich. Wie gesagt, diesen Kontakt suchte „Pewo“ über mich und die Paohlbürger. Dieses Vorhaben scheiterte allerdings daran, dass „Pewo“ wohl Mitglied werden wollte, ohne allerdings  Beitrag zu bezahlen. Der Vorstand lehnte dieses aber ab und so blieb es dabei, dass „Pewo“ in regel mäßigen Abständen bei mir anrief, um sich nach unseren Vorstandssitzungen oder Akteursversammlungen zu erkundigen.

Zu diesen erschien er dann und erzählte nach deren Beendigung  Witze, für die er dann wie schon erwähnt im Anschluss Geld sammelte.

Er war mir dankbar dafür, dass ich ihn auch in andere Kreise einführte, unter anderem zum Stammtisch der Flieger und Ritterkreuzträger. Diese Beziehungen nutzte er für sein geplantes Ziegenbocksdenkmal in Wolbeck.

Viele Dinge, die ich später ins Leben rief, bekamen in diesen Lokalen Form und Farbe. So wurde in der Gaststätte „Biedermeier“ bei dem Vereinswirt Hans Richter anlässlich der Geburt meines Sohnes der „Senat“ geboren und gegründet.

Bei unserem Vereinswirt Josef Horstmöller im „Fürstenhof“ habe ich nach einer Versammlung das „Erste Bischöflich Münsterische Offizierscorps“ gegründet und die ersten Gelder gesammelt.

An diesen Abenden wurden die „Originale der Paolbüörger“ ins Leben gerufen, die ersten Kostüme erhielt ich dafür im Anfang leihweise immer von der „Abendgesellschaft Zoologischer Garten“.  Ein großer Gewinn für uns kam durch den Zugang des AZG Mitgliedes Werner Holz, er sprach ein ausgezeichnetes Platt und verkörperte jahrelang den Schutzmann Felix Maria Harpenau alias „Felix Marie“.

Die Figur des „Tollen Bomberg“, die zuerst von mir verkörpert wurde, ging später an den „ Schriever“ Harry Schild über. Eine Rolle und Figur, die für ihn geradezu geschaffen war. Wenig Arbeit, aber „glänzende“ Wirkung. „Prof. Landois“ wurde von Werner Jakobs und der „Kiepenkerl“ von Herbert Brüggemann über viele Jahre verkörpert. Dieses Kultpaar des Vereins erntete bei Gratulationen  großen Beifall und Anerkennung, wobei die tragende Säule in dem langjährigen 2. Vorsitzenden Werner Jakobs zu sehen ist. Immer  waren es diese Treffen, die für den Verein im Aufbau ungeheuer wichtig waren. Unseren Vereinswirten aber sage ich nochmals herzlichen Dank für ihre Unterstützung.  

 

So wirds nie wieder sein